ein Armschmuck für Susette (Mareen Alburg Duncker, Gedenkstätte Bernburg)

Meine Arbeit an dem Gedenkschmuck für Susette Freund ist nun beendet.
Durch das Einbeziehen der vielen persönlichen Informationen, die ich von der Familie und der Gedenkstätte erhalten habe, in meine künstlerische Gestaltung ist dieser individuelle Schmuck für Susette Freund entstanden. Sie wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1942 in der Tötungsanstalt in Bernburg ermordet wurde.

Susette Freund auf ihrem Balkon in der Aschaffenburger Straße in Berlin, aufgenommen im Juli 1940, Privatbesitz

Der Armschmuck ist aus dem Stamm eines Kirschbaumes gearbeitet, welcher im Garten meiner Schwester wuchs – in Berlin. Hier lebte Susette Freund von ihrer Geburt bis zur Deportation. Es war ihre Heimatstadt, und auch mir ist Berlin ein Stück Heimat. Die doppelte Bedeutung des Heimatgedanken war mir hier sehr wichtig.
Über einen Zeitraum von drei Monaten habe ich das Holz bearbeitet, die Hohlkehlenform für den Armschmuck gefeilt und geschliffen, die dünnwandigen Segmente gebogen und zum Schluß gewachst. Vorhandene Risse sind im Material sichtbar, aber versiegelt. Kontrastreich zur warmen Farbe das Kirschholzes wirkt das geschwärzte Silber des Scharnierverschlusses und der Fassungen. So werden die fünf eingesetzten Citrine mit einer dunklen Linie umrahmt. Die facettierten Steine verwendete ich in Anlehnung an den letzten Schmuck, der von Susette Freund erhalten ist: ein goldener Ring mit gelbem Stein, vermutlich Citrin oder Topas. Rodney Martel hatte ihn im Dezember 2020 seiner Tochter geschenkt.
Als Erinnerungsschmuck für ihn ist eine kleine Brosche entstanden. Sie ist aus dem ausgesägten Innenteil des Armschmuckes angefertigt und ebenfalls mit einem Citrin ergänzt.

Karin und Carsten (von Thomas Jeschner)

Eigentlich sollte kein Text, kein Gedanke, keine Arbeit mit dem Wort „eigentlich” beginnen. Eigentlich …

Eigentlich wollte ich vermeiden, dass Menschen, die eh schon ausreichend oder genügend in der Öffentlichkeit stehen, Teil meiner Arbeit werden. Nun ist es anders gekommen. Nach vielen Gesprächen mit Menschen in Eisleben, vielen Besuchen, unzähligen Recherchen, spannenden Begegnungen habe ich am Mittwoch dieser Woche das erste Objekt aus den Regionalgeschichtlichen Sammlungen mit einem Menschen aus Eisleben zusammen gebracht.

Karin Pipenburg, Selbstporträt 1912, Regionalgeschichtliche Sammlungen Eisleben V K² 8372, Foto: Thomas Jeschner

V K² 8372 und der Bürgermeister. Ein Selbstbildnis von Karin Pipenburg aus dem Jahr 1912 und Carsten Staub, Chef der Stadtverwaltung von Eisleben seit April 2020.

Das Bild, das laut Widmung einst eine freundliche Erinnerung der Künstlerin an einen Bürgermeister war, hängt seit Mittwoch für einige Wochen im Büro von Carsten Staub und wird hoffentlich zu Gesprächen und Gedanken über die Regionalgeschichtlichen Sammlungen führen.

Die Übergabe erfolgte in einem schmalen Zeitfenster von einer Stunde. Mit dabei war ein Kamerateam des MDR. Sie fanden diesen Vorgang spannend genug für einen kleinen Magazinbeitrag zur TV-Sendung „Sachsen-Anhalt heute”. Wir trafen uns am Morgen noch vor dem Termin, schauten in ein Archivlager. Sprachen miteinander und zogen mit vollem Technikbesteck pünktlich ins Rathaus ein. Der MDR und ich.

Im „Herdlager” in Eisleben, Foto: Ines Godazgar

So standen dann zwei Kameras im Büro des Bürgermeisters. Ich hatte mich für meine Arbeit extra für eine kleine Bridge-Kamera entschieden, eine Lumix DMC FZ-1000. Praktikabel, lichtstark, grandioses Zoom. Technik, die Vertrauen schafft. Kein großes Set, das einschüchtert.

Und dann steht auf einmal der MDR mit einer Panasonic High-End-Broadcast Kamera hinter mir und filmt mich, wie ich meine kleine Kamera für das Interview einrichte.

Die nächsten Interviews sind in Planung. Mehr Zeit, mehr Ruhe, weniger Magazin.

Der Beitrag des MDR lief dann noch am selben Abend kurz vor halb acht Uhr. Ich füge noch die drei einzelnen Bildausschnitte für das Video-Triptychon zu Karin Pipenburgs Bild zusammen und hoffe auf eine schöne Präsentation mit all den anderen Interviewfilmen in Eisleben.

Bürgermeister Carsten Staub unter Beobachtung des Bildnisses der Karin Pipenburg

 

Die beste Zeit für Recherchearbeit (Petra Reichenbach)

Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wurde dieses Jahr pandemiebedingt eine digitale Lichterkette unter den teilnehmenden Gedenkstätten geschaffen.

Collage der Gedenkstätte Lichtenburg aus den vielen Posts zum Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors

Eine 12. Klasse des Jessener Gymnasiums hat anlässlich des Gedenktages einen eindrucksvollen Film zum Thema „Starke Frauen im KZ Lichtenburg“ erarbeitet. 

STARKE FRAUEN im kz lichtenburg – ein Projekt des Gymnasiums Jessen

Zwei Protagonistinnen des Films spielen auch in meinem Projekt eine Rolle: Die Zeugin Jehovas Amalie Pellin und die Kommunistin Olga Benario.

Die Recherche zu den insgesamt zehn Frauen, denen ich in meinem Projekt eine Stimme geben möchte,  hat mir unterschiedlich viel Material beschert:

Zu zwei der fünf Frauen aus der Renaissancezeit des Schlosses, Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg und Kurfürstin Hedwig von Sachsen, habe ich im Stadtarchiv von Prettin viel Material erhalten, zu Kurfürstin Anna von Sachsen hat mir die Historikerin Anna Bartkowski ihr tolles Buch geschickt. Zur Zeit lese ich eine sehr anschauliuche Biografie über Anna von Sachsen von Katrin Keller.

Nur zu den beiden Schwestern Anna Sophie, Kurfürstin von Sachsen, und Wilhelmine Ernestine, Kurfürstin von der Pfalz, bin ich noch auf der Suche nach weiterem biografischen Material.

Ähnlich sieht es bei den fünf Frauen aus der Nazi-Zeit aus. Mein Ziel ist es, alle zehn Biografien zu kurzen Ich-Erzählungen zu verdichten. Gemeinsam mit Jessener Schüler*innen der 9. Klassen sollen daraus zweiminütige Aufnahmen für eine Art Audioguide entstehen. 

In den nächsten beiden Wochen werden sie klassenweise in das Thema eingeführt. Ich bin so gespannt, wie motiviert sie sein werden!

Vorübergehend geschlossen … (Thomas Jeschner)

Geschlossen.

Zeit. Wir ordnen sie in Einheiten. Versuchen sie, damit für uns zu fassen. Ein Kalender nach dem anderen. Aufgereihte Zahlen, lineares Denken. Alles scheint so zuordenbar. Kisten, Konzepte, Regale, Vitrinen.

Wir sagen: ein Jahr. Es ist jetzt gut ein Jahr seit den ersten Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens vergangen. Wir haben viel erlebt, viel gemacht, viel unternommen. Wir haben viel nicht unternommen. Viel still gestellt, sein lassen.  In den Zeiten der Pandemie haben im Land seit Monaten alle kulturellen Räume geschlossen.

Eine plurale, demokratische Gesellschaft benötigt öffentliche und geöffnete Räume zum Denken und Sprechen. Eine Stadt, eine Gemeinde – egal wie groß – ist eine eigene Gesellschaft. Es gibt viele Orte, die solche Sprech- und Denkräume sein können. Theater, Kinos, Kulturhäuser, temporäre Kulturräume, Galerien, Konzertsäle, Vereinsräume … und, klar: Museen.

Ein Jahr Pandemie. Auf und ab. Fragen, Furcht und Frust. Sicherheitsabstand, Schutz und Solidarität. Ein zweiter Lockdown. Mitten drin. Unsere Kultur ändert sich. Nach der Pandemie wir nicht so sein, wie davor. So erzählen wir uns.

Seit wenigen Tagen gibt es einen mehrstufigen Öffnungsplan. Museen dürften in Zusammenhang mit aktuellen Fallzahlen, den Hygieneregeln und speziellen Zugangsbegrenzungen ab heute wieder öffnen – im Gegensatz zu Kulturräumen wie Theater, Kinos und Konzertorte. Einige der Museen, die im Rahmen des Heimatstipendiums Künstler:innen ein Stück Heimat bieten, werden diese Woche sich wieder dem Publikum stellen. Öffnen. Der Zustand, den sie alle mit den Regionalgeschichtlichen Sammlungen in Eisleben seit drei Monaten geteilt haben – einen Sammlungsbestand verwalten, den niemand zu Gesicht bekommt – wird dann vorbei sein. Die Museen sind für ihr Publikum da.

Und Eisleben?

Die Alte Bergschule in Eisleben. Eine Kostbarkeit beherbergt Kostbarkeiten.

Das Theater in Eisleben wurde als erstes deutsches Nachkriegstheater im Juli 1945 neu gegründet. Als Bürgertheater. Es wurde dann verstaatlicht, mehrfach umbenannt. Die letzten Fusions- und Schließungspläne seitens der Landespolitik stecken den Theaterleuten in Eisleben noch in den Knochen. Frühestens im April wird es wohl wieder Vorstellungen geben.

Das letzte Kino, 1979 noch mit einer Visions-Bar ausgestattet, stellte 1997 seinen Betrieb ein. Das seit der Schließung verfallende Haus wurde 2007 abgerissen und machte den Stadtterrassen Platz. Heute gibt es einen ostalgisch gefangenen Kinoverein, der im Grunde nicht mehr aktiv ist. In jedem bewohnten Haus in der Stadt stehen Fernseher und die Streaming-Angebote fesseln die Menschen auf ihren Sofas.

Die Luther-Stiftung verantwortet in der Stadt zwei Museen: Luthers Geburtshaus und Luthers Sterbehaus. Teile der Ausstellungsstücke gehören zum Bestand des Regionalgeschichtlichen Museums. Die beiden Museen werden wieder ihre Räume öffnen. Die Frage ist, für wen?

Luthers Geburtshaus. Eine Kostbarkeit. Das alte Heimatmuseum hatte hier einen Standort.

Was macht das momentan mit unserer Gesellschaft, wenn wir kaum öffentliche Räume haben, uns unseres Zustandes zu versichern, uns Geschichten zu erzählen. Es geht doch nicht nur um das Recht, Demonstrationen abzuhalten, sich in einem anonymisierten digitalen Raum ständig Bestätigung für die eigene Meinung abzuholen. Es geht um das Recht, Kunst und Kultur zu produzieren und sich damit und darüber auszutauschen. Wenn wir uns keine Geschichten mehr über uns selbst erzählen, dann …. ja, was dann?

Gehen wir weiter und weiter ins Digitale? Verstummen wir?

Wie und wo kommen wir miteinander ins Gespräch? Angesicht zu Angesicht.

Wo werden wir uns im ländlichen Raum, in den Kleinstädten treffen und darüber reden, was wir seit einem Jahr gemeinsam erleben? Wird die Pandemie irgendwann Thema in einem unserer Museen sein?

Ich werde mich übermorgen mit dem Bürgermeister zu einem Interview über die Sammlungen treffen.

Das Gespräch ist eröffnet.

 

Fotos: Thomas Jeschner

Be-Tracht-ungen, die Fünfte Salzlandmuseum Schönebeck (Annette Funke)

Wie kann ich Erwachsenen und Kindern spielerisch die Bördetracht näher bringen, ist eine Frage, die mich seit Beginn des HEIMATSTIPENDIUMS nicht loslässt. Ich antworte mit einem traditionellen Medium, einem Anziehpuppen-Ausschneidebogen.

Nach eingehender Recherche altertümlicher Trachtendarstellungen stelle ich der Bördetracht aus dem Magdeburger Land die Waitzacker Tracht aus Pommern und die Lebuser Tracht aus der Mark Brandenburg gegenüber. In einer intensiven Zeit des Zeichnens und Kolorierens entstehen detaillierte Illustrationen dieser Volkstrachten.

Spielerisch können die beiden Figuren Gerda und Hans eine Reise durch die drei Regionen antreten und das bäuerliche Leben zu jener Zeit kennenlernen. Wie damals üblich bleiben die drei Trachtenpaar-Ensembles sowie die Rollen von Frau und Mann für Gerda und Hans festgefügt.

Der Bastelbogen bekommt im Museumsshop einen festen Platz. An einer Ausmalvariante des Bogens zum Hochladen und Ausdrucken und an einem Tutorial mit Gerda und Hans als Protagonisten arbeite ich gerade.

Testleser*innen gesucht – es geht los (Lucie Göpfert)

Eingeigelt in meine Familienblase stehe ich per Telefon, digitaler Konferenz und Brief rege im Kontakt mit der Außenwelt. Der physische Kontakt zu echten Menschen fehlt mir schmerzlich, aber zum Glück hat sich das komplette Heimatstipendiumsumfeld sehr gut auf die aktuellen Bedingungen eingestellt. Ideenpingpong klappt auch übers Telefon! Die Dinge laufen, mein Kopf raucht, die Gedanken arbeiten und das Projekt kommt gut voran.

Voller Spaß vertiefe ich mich weiter in die ausgewählten Texten des Autors Victor Blüthgen.
Den von mir sehnlich erwünschten Kontakt zu „echten Kindern“ konnte ich über meine Mitmachaktion „Testleser*innen gesucht!“ erfolgreich herstellen. Das ist SO toll, macht großen Spaß, ist erfrischend, aber auch positiv überraschend. Es öffnet meinen Blick und ich bin sehr froh und dankbar über die rege Teilnahme von so vielen Kindern – und deren Eltern bzw. Betreuungspersonen (Danke an Euch da draußen!!!).

Was ist das für eine Kindermitmachaktion?
Über die MZ Bitterfeld und über den persönlichen Kontakt des Museumsleiters Stefan Auert-Watzik zu einem Schulleiter in Zörbig konnten viele, viele Testleser*innen gewonnen werden. Diese geben mir ein erstes Feedback auf meine Vorauswahl von Blüthgens Geschichten.

Wie?
Die Geschichten erreichen die Kinder ganz analog und altmodisch: per Post! Vor ca. zwei Wochen bekamen die Kinder den ersten Brief von mir. Er enthielt eine Geschichte von Victor Blüthgen und einen Fragebogen dazu.
Wenn der Fragebogen beantwortet an mich zurückgesendet wurde, schickte ich die nächste Geschichte mit Fragebogen los …
Bisher sollen vier Geschichten gelesen werden, ich hoffe aber sehr, dass einige der Kinder in absehbarer Zeit noch drei weitere Geschichten für mich lesen und begutachten.

Seit ca. einer Woche erhalte ich nun täglich Antwortpost von Kindern aus Zörbig und Umgebung (es gibt sogar Teilnehmer*innen in der Schweiz, in Halle und Magdeburg), das ist toll.
Ich liebe es, diese Antwortbriefe zu öffnen und die Gedanken der Kinder zu studieren. Erste Erkenntnisse haben mir die Fragebögen auch schon gebracht: Ich muss mich auf jeden Fall noch sehr intensiv mit den Texten beschäftigen, diese viel stärker der heutigen Sprache anpassen, Sätze kürzen, Worte austauschen bzw. erklären … zum Glück ist es für diese Arbeit ideal, im stillen Kämmerlein zu sitzen.

Heimatdiary März 2021

 

 

 

 

 

 

Ich zeichne Geister (Petra Reichenbach)

Während ich zeichne, habe ich vor allem junge Menschen als Zielgruppe vor Augen, die sich hoffentlich von den Gesichtern angezogen fühlen und neugierig auf ihre Geschichte werden. Deshalb versuche ich, für alle zehn Porträts Vorlagen zu finden, die sie als junge Frauen zeigen, den Blick möglichst auf uns gerichtet. Vor vier oder fünf Jahrhunderten auf den Porträtmaler oder im 20. Jahrhundert auf den Fotografen.

Inzwischen habe ich viel experimentiert, was die Umsetzung angeht. Nach ein paar Anläufen brachte mich die Bühnenwerkstatt der Oper Halle auf das Gewebe meiner Wahl. Es ist inzwischen auch von der Brandschutzbehörde abgesegnet. Auf einem Musterstück entstand die erste Zeichnung mit Wachs- und Lithokreiden und angemischter Acrylfarbe. Das Gesicht wird auf der Gewebebahn ca. 1 m hoch werden. 

Gewebebahn mit Olga Benario in Originalgröße am Fenster

Ich habe mich schließlich dazu entschieden, auf Papier zu zeichnen. Zunächst  fertige ich eine Bleistiftzeichnung im Format A2 an. Diese Zeichnung überlagere ich dann mit einem Transparentpapier um verschiedene Varianten mit Kohle und Kreide auszuprobieren.

Dabei bewege ich mich in der Farbpalette, die mir aus den Frauengemächern in Erinnerung ist. Die Holzdecken mit ihren Gelbgrün- und Blautönen, dazu ein sattes Dunkelrotbraun, aus diesen Kreidefarben baue ich die Zeichnungen auf.

Die ersten beiden Porträts hab ich gescannt und auf ein Gewebe, das meinem ganz ähnlich ist, drucken lassen. Diesen Druck überzeichne ich nochmals partiell mit Kreide.

  

Mit dem Probedruck konnte ich auch gleich die Wirkung von dem handgeschriebenen Zitat prüfen, das auf dem transparenten Vorhang vor dem Porträt hängen wird.  Um die Dimensionen einschätzen zu können, kann ich auf mein kleines Modell aus Karton zurückgreifen.  

Walkthrough pt.4 – Container

Gestern bekam ich ein Bild zugeschickt:

In einem vergilbten Magazin ist seitenfüllend eine Schwarz-Weiß-Fotografie abgedruckt.  An einem leicht ansteigenden, sandigen Hang steht ein altes LKW-Model. Im Hintergrund sind zerklüftete Felswände vor fast wolkenfreiem Himmel, der die gesamte Szene in weiches Licht taucht. Der Lastwagen wird gerade mit großen, weißen Steinblöcken beladen. Ein grob zum Kubus gehauener Stein mit ca. 2,50 m Kantenlänge liegt bereits auf der Ladefläche. Ein weiterer ähnlich großer Block wird über eine Schräge von hinten dazugeladen. Irgendwie scheint das keine gute Idee zu sein, denn das Gewicht der Steine hebelt den LKW aus. Seine derb profilierten Vorderreifen hängen entspannt an den großen Blattfedern meterhoch in der Luft. Aber alles ist Routine: sich lässig aus dem Fenster lehnend schaut der Fahrer aus seiner schwebenden Kabine dem Ladevorgang zu.

Ich zoome in das Foto, aber anstatt weitere Details zu zeigen, zerfällt das Foto in farbiges Isorauschen und klumpige Jpeg-Artefakte.  Nur die Bildunterschrift lässt sich gerade noch entziffern:

Abb 133 Carrara:  Der Berg auf dem Auto

Betriebsamkeit. Übertage. Untertage. (Nora Mona Bach)

Heimatstipendium in Zeiten von Krise und Lockdown kann keinen Stillstand bedeuten, denn es gibt genug zu tun. Übertage. Untertage. Überall drängelt eine Betriebsamkeit, die von einigen Herausforderungen begleitet wird. 

Gut hat es, wer Geduld, Genügsamkeit, Schaffenskraft und Ideenreichtum aufbringen kann und mit einer gewissen Portion Resilienz ausgestattet ist um den Hemmnissen aussichtsvoll zu begegnen.

Dem Plädoyer für Schaffenskraft, Kunst und Sinnzuschreibung bin ich bereits 2012 in meiner Diplomarbeit begegnet, als ich mich mit Katastrophen und Katalysmen beschäftigt habe: „[…] Das negativ Unerwartete selbst (entspr. (1) disaster), als das aus dem zu Befürchtendem (entspr. (2) hazards) in das Reale Erwachsene, wirkt als Ursache und legt die Verwundbarkeit (entspr. (3) vulnerability) des Individuums frei. In den 1950er Jahren implementiert Jack Block den Begriff der Resilienz (entspr. (4) capacity and resilience) in die Psychologie. Er beschreibt damit die spezifische Kompetenz, Krisen als Impuls für persönliche Weiterentwicklung zu nutzen, d.h. belastende Situationen durch Rückgriff auf individuelle und auch sozial vermittelte Ressourcen zu bewältigen. Erweitert wird das Konstrukt der Resilienz durch begriffliche Verweise auf Stressmanagement, Kontrollüberzeugung, Bewältigungsstrategien (Coping) und Widerstandsfähigkeit (Hardiness). Für die Sinnzuschreibung des Erlebten (entspr. (5) culture) ist es dem erschütterten Individuum möglich, Verklärung, Religion, Tradition und Kunst aufzugreifen oder diese selbst aufzubrechen und zu erweitern.“

Wie begegnen wir nun also mit Betriebsamkeit?

I. Untertage in Wettelrode

Ich frage Thomas Wäsche – Leiter des ErlebnisZentrum Bergbau Röhrigschacht Wettelrode -, der sich auch unter seinem Pseudonym ‚Bergrat Plümicke‘ einen Namen gemacht hat. Sein Pseudonym nimmt Bezug auf die historische Person Carl Friedrich Ludwig Plümicke ( 1791 -1866), er war preußischer Bergrat, Lehrer, Ehrenbürger der Stadt Eisleben und hat auch als Sammler Spuren hinterlassen. Auch Thomas Wäsche hinterlässt durch seinen Enthusiasmus und seine Zuversicht Spuren:

„Aktuell ist das Schaubergwerk „ErlebnisZentrum Bergbau“ – Röhrigschacht Wettelrode bei Sangerhausen aufgrund der aktuellen Corona-Verordnungen geschlossen, doch die Zeit wird genutzt, um laufende Instandsetzungsarbeiten zu bewältigen. Räder der Loks und Personenwagen werden geölt und gefettet, Bremsen kontrolliert. Auch werden die Gleise und Bergbaustrecken auf mögliche Schäden untersucht sowie Reinigungsarbeiten durchgeführt. Und es gibt einige Umbauten, die wir vornehmen, um unseren Gästen bei ihrem Ausflug in die Geschichte des über 800jährigen Bergbaus auf Kupferschiefer einen interessanten Aufenthalt bieten zu können.“

Ausschläge (2020/2021)
Kohle und Pastell auf Papier
170 x 140 cm
A u s s c h l ä g e / A u s s c h l a g h a l d e n
Als Ausschläge werden schmelzunwürdige Erze bezeichnet. Sie wurden in Kläubeställen vom schmelzwürdigen Erz getrennt. Die Ausschläge brachte man auf den sogenannten Ausschlägehalden unter. Diese Trennung ist besonders gut durch die unterschiedliche Farbe des Gesteins an Flachhalden zu sehen.
(aus: SCHLAG NACH / Stichworte aus der Geschichte des Mansfelder Kupferschieferbergbaus und des Hüttenwesen sowie anderer Berg- und Hüttenregionen / zusammengestellt von Axel Kreß /Stand: 18.06.2016)

II. Übertage in Halle

Es wird gezeichnet, sortiert, überlegt, gelesen im Atelier in Halle. Pläne geschmiedet für die Zeit der Begegnungen, die wir momentan alle so sehr missen müssen. Die Gedanken kreisen dann um die Umsetzung zweier Vorhaben: Zum einen die Einladung zu einer Wanderung Übertage, um den verzweigten Schächten überirdisch nachzugehen – so lässt sich ein Gefühl entwickeln zum Ausmaß der unterirdischen Eingriffe und der unglaublichen Arbeit unter Tage, die über Jahrhunderte in die Mansfelder Landschaft geschriebenen wurden.

Zum anderen soll ein Setzkasten entstehen, der – als eine Art kollektives Gedächtnis – Heimat für kleine Gegenstände ist, die eine innere Verbindung mit dem Feld des Bergbaus eingehen. Hierbei hoffe ich auf die Interaktion mit den Menschen vor Ort. Ich hoffe auf Geschichten und Begegnungen.
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Mit Frank Schedwill, Autor und Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung, spreche ich über diese Hoffnung und meine Vorhaben. Sein Artikel erscheint am 09. Februar 2021 in der MZ in Sangerhausen, späterhin am 17. Februar noch einmal in der MZ in Halle. Mich erreichen in Folge viele Nachrichten: Zusprüche, Einladungen, Zustimmung und ganz neue Weggabelungen und Ideen, für die ich sehr dankbar bin.

Ich wünsche uns allen weiterhin eine frohe Betriebsamkeit und baldige Begegnungen. Selbstredend: Glück auf!

Den Bergbau im Blick – im Atelier.