viele vermisste Katzen und Hunde ( Julia Himmelmann)

Bei meinem gestrigen Streifzug durch die Börde bei schönstem Wetter habe ich endlich noch ungesehene Orte besucht und meinen Aufruf an die Nachfahren der Sachsengänger unter die Leute gebracht. Nun hängen in Bäckereien, Fleischereien, Supermärkten, Kirchengemeinden, Apotheken, Rathäusern, Buchläden rund um Wanzleben, Klein Wanzleben und Oschersleben Plakate und Flyer. Frisch und weiß und unvergriffen lassen sie hoffen, dass sich Geschichten auftun und sich etwas finden lässt.
Was ich erstmal gefunden habe ist Gesellschaft unter den Suchenden und Dinge im Angebot.

Heute Morgen dann sitze ich im Linientaxi von Seehausen nach Ummendorf während draußen langsam der Nebel verzieht. Da passiert es. Ein Mann erzählt mir, dass sein Urgroßvater Anfang des 20. Jahrhunderts aus den Masuren als Saisonarbeiter in den Ruhrpott zog um dort “ in der Kohle“ zu arbeiten. Seine Urgroßmutter hatte unter dessen  als sogenanntes Schnittermädchen in der Landwirtschaft in der Börde gearbeitet, wo sich die Familie dann niederließ. Dann reißt die Geschichte plötzlich ab. Wir biegen ab zur Haltestelle Hinter der Burg in Ummendorf. Ich muss aussteigen. Ich gebe ihm schnell noch meine Telefonummer..

 

 

Nachfahren der SachsengängerInnen gesucht! (Julia Himmelmann)

 

Mein besonderes Interesse gilt derzeit den sogenannten Sachsengängern, die im 19. Und 20. Jahrhundert als Saisonarbeiter in die Börderegion kamen um hier in der Landwirtschaft zu arbeiten. Zu den Hauptstoßzeiten der Sachsengängerei waren es größtenteils Frauen, die ihre Heimat und ihre Familien im Eichsfeld und im heutigen Polen verließen um in der Börde zu arbeiten. Die meisten gingen nach der Saison wieder zurück, einige blieben jedoch.

Gerne möchte ich mehr über die Familiengeschichten der hiergebliebenen SachsengängerInnnen erfahren und ihre Bedeutung für die Börde ins heute verfolgen. Darum bin ich auf der Suche nach Nachfahren von SachsengängerInnen, die noch heute in der Börde-Region leben und ihre Familiengeschichte mitteilen wollen. Gerne möchte ich die Erzählungen dokumentieren um sie dann in meine künstlerische Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte der Börde-Region einfließen lassen. Die Ergebnisse der Recherchen sind natürlich auch für die Sammlung des Museums interessant und können auch in die neue Dauerausstellung des Börde-Museum einfließen.

Ist Ihre Familiengeschichte mit den Sachsengängern verknüpft? Sind Sie ein Nachfahre oder besitzen Sie Dokumente oder Gegenstände aus dieser Zeit?
Dann würde ich mich freuen, wenn Sie bis 15. Januar 2021 Kontakt mit mir über das Börde-Museum Burg Ummendorf aufnehmen:
Telefon: 039409 522 oder E-Mail: boerde-museum@landkreis-boerde.de

Julia Himmelmann beim Auftakttreffen des Heimatstipendiums im Börde-Museum Burg Ummendorf

MDR in der Gedenkstätte Bernburg – Mareen Alburg Duncker

Anlässlich des Jahrestages der Reichsprogromnacht am 9. November 1938 erhielt ich eine Anfrage vom MDR einen kurzen Beitrag zu meiner Arbeit als Heimatstipendiatin in Kooperation mit der Gedenkstätte für die Opfer der „NS-Euthanasie“ in Bernburg zu senden.
So füllte sich mein Atelier am 6.11. mit einem dreiköfpigen Presseteam samt Equipment. Nach dem Dreh hier fuhren wir in die Gedenkstätte und trafen uns dort mit Frau Dr. Hoffmann, um weitere Aufnahmen zu machen.
Der entstandene Beitrag ist noch bis 16.11.20 in der MDR-Mediathek zu finden.

 

Immer wieder dienstags, … (Lucie Göpfert)

…dieser Termin ist inzwischen fest in meine Woche eingetaktet.
Dienstag früh steige ich in den Bus und fahre nach Zörbig. Es fühlt sich an wie der Übergang in eine andere Welt. Ich fahre vorbei an Windrädern und Feldern, durch minikleine Dörfer, sehe Rehe und Fasane. Mein Kopf stellt sich auf das HEIMATSTIPENDIUM ein.

Nach knapp 50 Minuten Busgeruckel ist die Ankunft in „Zörbig / Markt“.
Was für ein Gück, Dienstag ist Markttag. Dort gibt es ein Bäckerwägelchen mit leckerem Kuchen.

Danach: zeichnerisches Warmup. Ich suche mir ein Plätzchen zum Zeichnen und Ankommen. Ich zeichne im Ort oder im Museum. Häuser, Straßen, Ausstellungsobjekte oder eines der Sammlungsstücke im Archiv. Das ist eine total schöne Routine.

Dann geht der Alltag los. Der Museumsleiter Stefan kommt. Wir erzählen, planen den Tag. Ich entscheide mich für Lesestoff, meist gehen wir etwas besichtigen, es gibt angekündigte Besuche … der Zeitplan steht. Dann wandere ich zum Bücherschrank und beginne zu lesen. Ich lese mich ein in Victor Blüthgens Sprache, in seine Thematiken, in sein Leben. Ich sehe Fotos, weiß, wo sein Elternhaus in Zörbig stand und sitze oft im Blüthgen Zimmer des Museums.

Während des intensiven Lesens über nun schon mehrere Wochen merke ich, dass Blüthgens Texte von sehr unterschiedlicher Qualität sind. Manche sprechen mich an, einige wenige begeistern mich sehr und einige Texte langweilen mich oder lassen mich verwundert zurück, inhaltsleer oder mit einem plötzlichen, viel zu einfachen Ende.

Langsam entsteht eine erste Sammlung von relevanten Texten. Wie schön. Der Plan vom Buch geht in die Umsetzung.

Abends, am Schreibtisch in meinem Arbeitsraum, bringe ich Eindrücke des Tages zeichnerisch auf einer frischen Seite meines „HEIMATdiary“ zusammen und ich resümiere für mich dabei was ich erlebt habe. Wie schön, diese Dienstage zu haben – und das Eintauchen in mein Parallel-Leben in Zörbig.

Auszug HEIMATdiary von Lucie Göpfert

Glühstrümpfe, Hosenträgerstraßen, Rübenmieten und Mutter Erde (Julia Himmelmann)

Zückerrübenfeld bei der Ernte

Verwitterungen, Verwehungen, Strömungen, Überlagerungen, Umwälzungen…
Der fruchtbare Schwarzerde Boden der Magdeburger Börde entstand durch Verwehung des fruchtbaren Löss in den zurückliegenden Eiszeiten. Die vielschichtige Sammlung des Börde-Museums fand teilweise wie durch „Kulturelle-Erosion“ ihren Weg in das Museum. Sie zeugt vor allem von dem Wandel der regionalen Kulturgeschichte. Ich erschließe mir Schicht um Schicht von diesen kulturellen Ablagerungen, löse sie von ihren Überlagerungen und füge sie wieder zusammen. Dabei liegt mein Fokus auf der Fruchtbarkeit des Börde Bodens und der damit zusammenhängenden Entwicklung der Börde. Unter welchen Bedingungen haben die Menschen im 19. Und 20. Jahrhundert in der Börde gelebt? Wie waren die Lebensbedingungen im Besonderen für Mädchen und Frauen? Welche Entwicklung en gab es in Bezug auf Keramik in der Börde?

Die Ausstellungsräume der Burg Ummendorf sind bereits für Baumaßnahmen leergeräumt und beantworten meine Fragen mit einem knarzenden Schweigen. Antworten und Abwege finde ich in den Magazinen und Außenlagern, in denen sich derzeit die üppige Sammlung des Museums stapelt. Hier wühle ich mich durch Regale und Kisten und staune über unspektakuläre und ansehnliche Stücke. Lektüre finde ich über Karteikarten schließlich in Büchern, die in Kartons im Außenlager lagern. Ich sammle Input über Künstler und Persönlichkeiten der Börde, über die Bodenbearbeitung und die Landwirtschaftliche Entwicklung, über die Sachsengänger, die als Saisonarbeiter zwischen 1850 und 1915 in der Zuckerrübenproduktion arbeiteten und über die Keramik der Region. Ich suche nach den Erlebnissen der Menschen der Börde und höre ihren Erinnerungen an die Zeiten des 2. Weltkrieges, der DDR und der Wiedervereinigung zu.

Und wieder Umwälzungen die etwas neues entstehen lassen…

Ausflug nach Neinstedt – Mareen Alburg Duncker

Neben sehr viel Lesestoff zum Thema NS-Euthanasie und zahlreichen Telefonaten mit zuständigen Mitarbeitern verschiedener Stiftungen konzentriere ich mich mehr und mehr auf meine eigentliche Arbeit. Die Literatur ist umfangreich und manchmal schwer auszuhalten. Dann  vertiefe mich in die künstlerische Umsetzung.
Ich beginne mit ersten Entwürfen zu zwei Frauen, von denen ich teilweise sehr persönliche Dokumente gelese habe. Das Arbeiten mit meinen Händen schafft den Ausgleich zum schweren Thema.
Ruth Rosa Mühlmann erkrankte mit 2 Jahren an Scharlach und hatte seitdem Einschränkungen in ihren geistigen Fähigkeiten. Mit 11 Jahren wurde sie in die Neinstedter Anstalten aufgenommen, wo sie bis zu ihrem Transport im Januar 1941 nach Bernburg lebte.

Neinstedter Anstalten, heute und um 1930

Sie wurde von ihrer Familie sehr geliebt und oft besucht. Es existieren einige Briefe des Vaters, in denen er sich nach Ruth´s Befinden erkundigt. Für Ruth soll ein Anhänger in Form eines Herzens aus filigranem Draht entstehen. Mit der Filigrantechnik mache ich mich gerade vertraut.


mein Werktisch, Herstellung von filigranem Draht aus Silber

Presse in Bernburg – Mareen Alburg Duncker

Gemeinsam mit unserer Redakteurin Ines Godazgar fuhr ich am 26. Oktober nach Bernburg.  Frau Dr. Hoffmann und Frau Gebauer hatten weitere Biografien von Opfern herausgesucht. Diese sind meist von den Angehörigen zusammengetragen worden. Auch Fotos konnte ich sichten, von Opfern und Tätern gleichermaßen.
Generell gibt es in dem Archiv der Gedenkstätte nur wenige Originalfotos und auch keine Krankenakten, denn die meisten sind entweder bei den Angehörigen oder aber im Bundesarchiv in Berlin gelagert. Im Bernburger Archiv lagern die gefälschten Akten, in denen die TäterInnen falsche Todesdaten und- ursachen eintrugen.


Ich blättere im Ordner mit Fotodokumenten, Frau Gebauer erklärt mir, wen ich sehe.

Zu dem Arbeitstreffen war auch die Bernburger Presse eingeladen. Über den ausführlichen Beitrag von der MZ-Redakteurin freuten sich alle Beteiligten.


vor der Fotowand im Untergeschoss der Gedenkstätte

Be-Tracht-ungen, die Zweite Salzlandmuseum Schönebeck (Annette Funke)

In meinem Atelier trage ich alles zusammen, was ich zur Bördetracht finde, Ausdrucke von abfotografierten Stoffmustern, Fotos, inspirierende Gegenstände und Ideen, die ich auf kleinen Zetteln notiere. Kann sich eine Idee über längere Zeit in meinem Kopf durchsetzen, tippe ich sie in meinen Rechner. Arbeitstitel wie „ Krönung“, „Selbstbildnis“, „Haltung“ oder „Umarmung“ entstehen und bilden den Ausgangspunkt für erste Kompositionsversuche. Dazu ordne ich Bilder der ersten Fotosession in die Kategorien Wettkampf und Spiel, Speise und Lust, Rolle und Habitus ein.

Der erste Papierschnitt mit dem Arbeitstitel „Selbstbildnis“ nimmt Formen an. Darauf sind zwei einander zugewandte Figuren zu erahnen, die im Entwurf beide in ein Smartphone blicken, das eine der beiden hält. Schnitt für Schnitt wächst das Bild sehr konzentriert, sehr langsam. Das gibt meinen Gedanken Zeit zu springen, die ab und zu an Begriffen wie Heimat, Kultur, Erinnerung oder Identität hängenbleiben. Diese Begriffe sind wie die Konstruktion eines Dach-Gebälkes über einem Denk-Raum, der selbst diffus bleibt, weil er im eigentlichen Sinne nicht ist.

Auf Youtube lausche ich neben dem Schneiden einem Interview, in dem Ernst Bloch aus „Prinzip Hoffnung“ zitiert wird: Heimat ist „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“, und muss lächeln.

 

Von der Entstehung | Thomas Jeschner

Ich sammle. Objekte, Wissen, Eindrücke, Erfahrungen. Ich notiere, schreibe nieder, fotografiere, sortiere, katalogisiere, verliere, gewinne. Plane, parliere, kalendiere. Ich verwerfe, grüble, verzweifle. Ich frage nach, frage an, lasse mir helfen, bin behilflich. Ich laufe von Ort zu Ort, steige Treppen, schleppe Kartons, Objekte, krame, staple, packe ein, packe aus. Ich blättere in Archivbüchern, stöbere in Karteien. Bin überrascht, enttäuscht, gelangweilt, hektisch, neugierig. Ich entdecke.

Ich warte auf Antworten, lasse mich hinhalten. Ich antworte. Ich frage und warte. Und mache weiter. Ich lese. Informiere mich. Scanne Broschüren. Größler, Rühlemann, Plümicke, Kerssenbrock, Namen, Männer in Positionen, in angesehenen Berufen, Vereinen.

Wie entsteht eine Sammlung? Ein Museum?

Mein Notizbuch entblättert viele Gedanken dazu. Immer wieder tauchen Fragen auf. Immer wieder beginnen die Fragewörter mit W. Jeden Seite, jeden Tag.

Eine kleine Auswahl inmitten anderer Dinge. Alte Bergschule, Lutherstadt Eisleben

Jetzt ist es soweit.

Ich gestalte mein erstes, eigenes Museum. Wir gestalten ein Museum. Denn ohne Unterstützung geht es nicht.

Für drei Stunden werde ich nächsten Dienstag (27. Oktober 2020)  vormittags auf dem Marktplatz von Eisleben ein eigenes Museum der Öffentlichkeit vorstellen. Es ist Markttag. Zeit zum Kennenlernen. Zeit zum Reden. Zeit zum Lüften.

Das POP-UP MUSEUM EISLEBEN lädt ein.

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