Aus Herman Grimms Bibliothek im Museum Haldensleben | Xenia Fink

Das Leben Raphael von Urbino

von Herman Grimm

Erster Theil

Ferd. Dümmler’s Verlagsbuchhandlung, Harrwitz und Gossmann, 1872

Einleitung, S. XLI und XLII

Goethe zufolge zerfällt Deutschland in zwei Theile, von denen er den nördlichen den bildlosen nennt,  „wo es zur Verehrung des Guten und Schönen zwar nicht an Wahrheit, aber oft an Geist gebricht.“ Er hätte hinzufügen können: „an Anschauung“.

Die Theilung war eine Folge der Reformation, welche die Hülfe der Kunstfür Darstellung der höchsten Dinge ausschloss. Während im 17. und 18. Jahrhundert die Städte Süddeutschlands noch vom bunten Schimmerprivaten und öffentlichen Kunstschmuckes glänzten, sah man in den neueren Städten und Residenzen Norddeutschlands: Berlin, Leipzig, Halle, Weimar u. s. w., von wo die literarische Bewegung ausging, wenig dergleichen. Sammlungen und Schlösser hoher Herren und in den Häusern reicher Kaufleute konnten keinen Ersatz für die allgemeine Kahlheit bieten; es mangelte die rechte Lebensluft, in der  Kunstwerke producirt und begriffen werden. Die Vorliebe der Sammler wandte sich zudem den holländischen Meistern zu, deren Lebensanschauungen denen des norddeutschen Publikums mehr entsprachen; die Werke früherer Jahrhunderte, welche sich in Kirchen und sonst an öffentlichen Orten erhalten hatten, begegneten keinem Verständnis mehr.

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