Asmus Carstens: „Der echte Kunsttrieb“ | Xenia Fink

Leben der Künstlers Asmus Jacob Carstens,

ein Beitrag zur Kunstgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts von Carl Ludwig Fernow

Leipzig, 1806 bei Johann Friedrich Hartknoch

VORREDE (v-xi)

Das wahre Leben eines Künstlers besteht in der Ausbildung seiner Anlagen und in der Ausübung seines Talents. Die äußeren Umstände, die es begleiten, sind nur in sofern bedeutend und merkwürdig, als sie auf die Entwickelung seines Vermögens hindernd oder fördernd einwirkten, als sie seinem Genius  diese oder jene Richtung gaben, durch welche der eigenthümliche Karakter seiner Werke, als vereintes Erzeugnis der Naturanlage und Bildung, großentheils mit bestimmt wird. Da nun in der Kunstgeschichte nur das wissenswürdig ist, was irgend einen merklichen Einfluss auf die Zustände der Kunst gehabt, was für ihre theoretische und praktische, ihre technische und ästhetische Entwickelung und Fortbildung fruchtbar gewesen ist, was sie richtig geleitet oder irre geführt hat: so kann ach nur solcher Künstler Leben der Geschichte angehören, welche durch eine ausgezeichnete Eigenthümlichkeit der Anlagen, oder durch eine hohe Stufe der Ausbildung irgend eines Teils der Kunst, oder durch eine besondere Richtung des Geschmacks, ihre Selbständigkeit an den Tag gelegt, und so auf irgend eine Weise, sei es durch Hervorbringung vorzüglicher Werke, oder durch Einführung einer besonderen Methode, oder durch ihr ernstliches Hinstreben auf einen höheren oder untergeordneten Kunstzweck, ihr Dasein für die Kunst entweder förderlich oder nützlich, oder durch eine zweckwidrige Richtung des Geschmacks nachtheilig und verderblich, erwiesen haben.

Der Kunstgeschichte ist so wenig mit bloßen Namen von Künstlern, die nichts Ausgezeichnetes geleistet haben, als der Kunst mit mittelmäßigen Werken gedient. Beide sind da und schwinden, ohne ihre Wirkung im Gebiete derselben zu hinterlassen. Was in der Chronik eines Landstädtchens wichtig sein mag, ist unbedeutend in der Geschichte des Landes. So können viele Professoren und Direktoren in den Annalen einer Kunstakademie glänzen, ohne dass darum ihre Namen in den Annalen der Kunst genannt zu werden verdienen; und im Gegenteil hält die Geschichte es zuweilen für Pflicht, den einzelnen von seinen Zeitgenossen verkanten Künstler der Nachwelt mit Achtung zu nennen, und ganze Kunstakademien zu mit Stillschweigen zu übergehen, wenn sie findet, dass diese, mit allem Prunk und Pomp ihrer kostspieligen Treibhausanstalten, doch die Kunst um nichts gefördert haben; jener hingegen in seiner Dunkelheit durch redliches Streben seinem Künstlerberuf in wenigen aber schätzbaren Arbeiten auf eine würdige Weise beurkundet hat. Ja es ist um so gerechter, dass die Geschichte das Andenken solcher, in ungünstigen Zeitaltern und unter niederdrückenden Schicksalen mühsam und mutig emporstrebender Künstler ehre, da das oft der einzige Lohn ist, der ihnen zu Theile wird; und da ihr Beispiel ähnlich gesinnten Jünglingen, denen es mit der Kunst heiliger Ernst ist, die aber unter gleichem Drucke widriger Verhältnisse ringen, Trost und Mut einflößt, dem Schicksale festes Ausharren entgegen zu setzen.

Der echte Kunsttrieb offenbart sich besonders auffallend, wo ungünstige Umstände sich einer Entwickelung widersetzen, und er glänzt da um so heller empor, wo alles sich vereint, ihn auszulöschen. So sehen wir zuweilen im kunstlosen unfreundlichen Norden, fern von Allem, was fähig wäre den schlummernden Trieb zu wecken und zu nähren, ein großes Talent hervorgehen, und von allen Hilfsmitteln entblößt sich aus sich selbst entwickeln. Einmal zum Bewusstsein erwacht, strebt es aus innerer Notwendigkeit seiner einzigen Bestimmung nach; Widerwärtigkeiten können es aufhalten, Hindernisse können sein Streben lange, ja für immer vereiteln; die geistige Kraft kann im Kopfe mit der fisischen (sic!) Übermacht des Schicksals erliegen, aber den ungeborenen Trieb kann diese nur mit dem Leben vertilgen. Mehr als Ein von der Natur hochbegünstigter, aber vom Schicksale befeindeter Kunstgeist ist so ein Märtirer (sic!) seines Triebes geworden. Oft aber ermüdet auch ein ausharrendes festes Streben die Tücken des Geschicks, und vielversucht im langen hartnäckigen Kampfe dringt endlich der siegreiche Genius, wenn gleich später, nur um so reifer und geläuterter zum Ziele; ein erhebendes Schauspiel für den Beobachter, und für den Künstler eine Quelle des höchsten und edelsten Selbstgenusses!

Den Anblick eines solchen Kampfes mit allen Widerwärtigkeiten eines feindselige, aber durch beharrliche Ausdauer endlich bezwungenen, Schicksalen gewährt das vorliegende Leben eines Künstlers, den die Natur mit ihrer schönsten Gabe, mit einer schöpferischen Bildkraft reichlich ausgestattet,  und mit einem muthigen Geiste beseelt hatte, den aber, am glücklich erreichten Ziele, ei früher Tod der Kunst entriss, als er sich endlich tüchtig fühlte, reife, einer längeren Dauer würdige Früchte seines Strebens auf ihren Altar niederzulegen.

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