Das Ei

Meine Begeisterung für historische Sammlungen währt schon lange, ebenso eine künstlerische Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Themen. Bei meinem letzten Besuch des University Museum of Natural History in Oxford fand ich in einer Vitrine hübsche kleine Vogeleier, bewusst in ein möglichst naturgetreues Nest platziert. Ein paar Schritte weiter, im selben Gebäude,  kommt man direkt in das anschließende anthropologische Museum von Pitt Rivers (1827-1900), in dem unter anderem von Menschen gestaltete Hühnereier ausgestellt sind. Die unmittelbare Nähe dieser beiden Exponate verdeutlichte mir die feine Grenze zwischen dem Naturgut und dem Kulturgut auf so anschauliche Weise.

Das Zentralmagazin der Zoologischen Sammlung der Universität Halle bietet eine Fülle an versteckten Schätzen. Ich möchte mich auf einen relativ kleinen Bereich, nämlich den Bereich der Vogeleier, konzentrieren. Meine besondere Faszination liegt hierbei in der Gestaltung der Eier, die in manchen Fällen überwältigend ist, gerade weil sie nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten geplant wurde. Viele Eier sehen so aus, als wären sie mit Aquarellfarben bemalt, andere so als wären sie flächig mit Bleistiftlinien übersät, wieder andere erinnern mich an Bilder von Jackson Pollock. Mich fasziniert, wie diese Naturprodukte an Kunstwerke erinnern. Ich sehe immer wieder Ähnlichkeiten zum Pointilismus, zu Yves Klein, zu Rothko. Sie sind auch ohne diese Assoziationen kleine Kunstwerke und in ihrer Form von einer unvergleichbaren Vollkommenheit.

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