REISEBILDER (TEIL 2) I Christine Bergmann

Die folgende Szene habe sich abgespielt auf der Brockenherberge oder sie wurde dort erfunden u.s.w.

„Ein junger Bursche, der kürzlich zur Purifikation in Berlin gewesen, sprach viel von der Stadt, aber sehr einseitig. Er hatte Wisotzki und das Theater besucht; beide beurteilte er falsch. „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort“ usw. Er sprach von Garderobeaufwand, Schauspieler- und Schauspielerinnenskandal usw. Der junge Mensch wußte nicht, daß, da in Berlin überhaupt der Schein der Dinge am meisten gilt, was schon die allgemeine Redensart „man so duhn“ hinlänglich andeutet, dieses Scheinwesen auf den Brettern erst recht florieren muss und daß daher die Intendanz am meisten zu sorgen hat für die „Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird“, für die Treue der Kostüme, die von beeidigten Historikern vorgezeichnet und von wissenschaftlich gebildeten Schneidern genäht werden. Und das ist notwendig. Denn trüge mal Maria Stuart eine Schürze, die schon zum Zeitalter der Königin Anna gehört, so würde gewiß der Bankier Christian Gumpel sich mit Recht beklagen, daß ihm alle Illusion verlorengehe; und hätte mal Lord Burleigh aus Versehen die Hosen von Heinrich dem IV. angezogen, so würde gewiß die Kriegsrätin von Steinzopf, geborene Lilientau, diesen Anachronismus den ganzen Abend nicht aus den Augen lassen.

Solch täuschende Sorgfalt der Gerneralintendanz erstreckt sich aber nicht nur auf Schürzen und Hosen, sondern auch auf die darin verwickelten Personen. So soll der Othello von einem wirklichen Mohren gespielt werden, den Professor Lichtenstein schon zu diesem Behufe aus Afrika verschrieben hat; in „Menschhaß und Reue“ soll die Eulalia von einem wirklich verlaufenen Weibsbilde, der Peter von einem wirklich dummen Jungen und der Unbekannte von einem wirklich geheimen Hahnenrei gespielt werden, die man alle drei nicht erst aus Afrika verschreiben braucht.“

Aus „Reisebilder, Die Harzreise, 1824, Heinrich Heine (1826), Ausgabe: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1966

Ergänzungen: * „Menschenhaß und Reue“ – rührseeliges Schauspiel von August von Kotzebue (1761-1819), 1819 ermordeter deutscher Dramatiker.

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