Halbzeit Heimat I Christine Bergmann

Blogschreiben hat einen gewissen Nachteil. Es eignet sich im Prinzip nur für den kurzen, dokumentarischen Tagebuchstil.

Über meine 10tägige Harzreise im April und diverse andere Besuche seit Januar habe ich noch kein Wort verloren, zum Teil komplizierte Foto- und Urheberrechte, die klickklack&share-Routine des Smartphoneusers ist mir auch nicht zu eigen. Am Anfang ist es immer recht unspektakulär. Überall Versatzstücke ohne inneren Zusammenhang. Was soll man groß berichten?

Von links nach rechts: Katrin König, Stipendiatin im Röderhof, Ilka Leukefeld, Arbeitststipendium der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Christine Bergmann, Heimatstipendiatin, treffen sich zufällig im Gleimhaus Halberstadt Anfang April…

Aus jedem Versatzstück entstehen Fragen, die Vertiefung und Nachdenken verlangen. Ich lese diverse Dinge nach, die ich als gesichertes Wissen glaubte – hatte man doch alles in der Schule oder im Studium irgendwo… Kein Thema wird dabei klarer, es häufen sich die Widersprüche. Theoretisch altbekannte Fakten fallen auf einen neuen Boden an Lebenserfahrung.

Kurzes Beispiel: Harry (Heinrich) Heine, brillanter Satiriker, den ich immer schätzte. Amüsiere mich prächtig mit seiner Harzreise und leide beim Lesen unter wohlwissend unpräzisen Dejavus, dass Heine gerade für seine besten Schriften ins Exil musste. Wie immer beginnt es harmlos: Wie war das nochmal genau mit dem Vormärz? Lese mich tief in die deutsche Geschichte ein: Napoleonische Kriege, deutsche Kleinstaaterei, Deutscher Bund, Burschenschaften, 1. und 2. Industrialisierungswelle, die Verfechter der Nationalstaatsgründung sind die Progressiven, diverse Literaten werden verboten und gehen ins Exil u.a. Karlsbader Beschlüsse, 1848 die „bürgerliche Revolution“ scheitert, das „kommunistische Manifest“ erscheint, menschlicher Urgrund, vergleichbare Ansinnen…

Lese mich also gleichwärts vor und zurück in der Geschichte: Code Civil, Zünfte, Gilden, Ständewirtsschaft, Leibeigenschaft und die Widersprüche bei der Abschaffung der Leibeigenschaft, bis ich das Rückwärtslesen vorerst unterbreche, als ich bei einem der anfänglich zusammenhanglosen „Bruchstücke“ ankomme:

Bei meinem 1. Besuch im Stadtarchiv Wernigerode hatte mir der Archivleiter, Herr Mahrenholz, einige Bürgerbriefe vorgelegt, deren Sinn ich für mein Vorhaben nicht erkennen konnte. „Bürgerbriefe“ regelten, wie ein Nicht-Städter sich das Stadtbürgerrecht gegen Zahlung einer immensen Summe Geldes erwerben konnte und damit auch besondere Schutzrechte erhielt. Etwas vereinfacht gesprochen: Ein Teil dieses Schutzversprechens gehört heute zum Aufgabenbereich des Nationalstaates. Andere Schutzversprechen haben sich erhalten in den Kammerzugehörigkeiten und Ausbildungsmodalitäten im deutschen Handwerkssystem etc.

Über das komplizierte Verhältnis der Künstler zu Schutz und Entlassung aus dem Kammersystem möchte ich erst gar nicht reden. By the way eröffnet sich ein historisch vergleichender Blick auf aktuelle Fragen der Zuwanderung (Ähnlichkeiten, Fortschritte, unbewältigte und simplifizierte Fragen etc.).

Katrin König begleitet mich aus Neugier beim Stöbern im Nachlass Otto Illies. Mitte: Herr Lacher, Gleimhaus, Rechts: Herr Ahrens, Harzmuseum.

Gleichzeitig „schaue“ ich mich voran vom Vormärz in die neuere Gegenwart und widme mich Kunstrichtungen, die mich schon seit Jahren nicht mehr interessiert haben, vor allem das ganze pathetisch/theatralische  Zeugs aus Historismus, Symbolismus bis ins Artdeko. Da ich mich als Judendliche für bestimmte Bilder und künstlerische Erscheinungen begeistern konnte, habe ich ein gewisses Verständnis, dass diese bis heute (leider) der letzte echte Ankerpunkt in der Kunst für viele Menschen zu sein scheint.

Nicht zuletzt über die Ausbildungswege einiger, im Harzmuseum vertretener Künstler, lande ich beim „deutschen Impressionismus“, im Weimar der Umbruchszeiten kurz vor und nach der Bauhausgründung (ein Thema was mich mehr interessiert). Damit komme ich zwangsläufig zu den Parallelerscheinungen aus „Vormoderne“ und „klassischer Moderne“;  ihren diversen, widersprüchlichen Einflüsse auf die „Blut- und Boden“- Ästehtik der Nazi-Zeit, welche das Thema „Heimatkunst“ gänzlich ideologisch ruiniert hat. Am Ende führt kein Weg vorbei an der (tatsächlichen) Dialektik des sogenannten Sozialistischen Realismus und der Formalismusdebatte – beide mit ihren Vorkriegseinflüssen aus allen Herren Ländern. Es folgt die Wende 1989/90 ….

Wenn man sich allein auf die letzten 120 Jahre deutscher politischer Umbrüche beschränkt (je nach zählweise 5 bis 6 Staatsformen), und dem damit verbundenen Bilderstürmertum, hat nahezu jede Künstlergeneration wenigstens einmal im Leben „auf der falschen Seite“ gestanden (je nach System). Mal „hochgejubelt – verboten – vergessen“, oder andersherum „verfemt – dann hochgejubelt – dann unter Ideologieverdacht gefallen“ oder gar „Unpolitisch – Dürfen die das?- Völlig belanglose Kunst!“. Eine irre Gemängelage aus mangelnder Bildung, Spießertum, ersthaften Anliegen, Künstlerrivalitäten… Der ganzen Problematik müsste man einen ausführlichen Künstleraufsatz widmen….

Und so in der Art geht es weiter: Folklore, alte Berufe, Sachsen-Anhalt-Tag seit 1992, profane Randnotizen;  wahllosen Bruchstücke, zusammenhanglose Fotokonvolute, Gespräche, Literatur und Lebenserinnerungen, verdichten sich zu Assoziationsketten, werden Einzelthemen; Einzelthemen überlagern sich punktuell, es entstehen innere Bilder. Das Bildsystem ist noch nicht kohärent, aber eine gewisse kritische Masse ist erreicht. Nun kommt die Malerei als prüfende Instanz ins Spiel. Und, wie ich hoffe, auch der ein oder andere Aufsatz.

Künstlerherberge im Röderhof. Nach ungeplant langem Arbeitstag in Halberstadt gewährt mir Katrin König Asyl auf einem Feldbett zwischen ihren Kunstwerken –  irgendwie spitzwegisch….

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