Harzrausch I Christine Bergmann

Berufsbedingt leide ich an der typischen Krankheit der Maler: Italien.

Ein Jahr ohne Italien ist ein verlorenes Jahr. Wenn ich aus Italien heimkehre, freue ich mich zutiefst in die mitteldeutsche Landschaft zurückkehren. Mitteldeutschland ist ebenso faszinierend in seiner Dichte an historisch bedeutsamen Orten und schöner Kulturlandschaft. Überall stolpert man über Burgen, Klöster, größere und kleiner Schlösser, Parkanlagen, Naturdenkmäler, Felder, Wälder…..Nichts daran ist „echte“ Natur, alles „Zeugnis“.

Komisch eigentlich: Italien gilt als malerisch, aber rumlaufen, im deutschen Sinne „wandern“ kann man dort nicht. Bosco ist nicht Wald. Mitteldeutschland hat Wetter, ist erzählerisch. Woher kommt eigentlich die merkwürdige Verdrehung der Bezeichnungen: „Romantik“ von „romanhaft“ , aus „römisch“ im absurden Gegensatz zu „lateinisch“, als Bezeichnung einer ganzen Malereigattung, obwohl man in DE über das eigene Land mehr und besser dichtete als man das Land der Träume, IT, malte?

Na, lassen wir das …

Im Harz. Proper herausgepäppelte stehen im Kontrast zu völlig maroden Fachwerkstädtchen – Wieso werden an einem Ort die Touristen busladungsweise ausgekippt und ein paar Kilometer weiter verfällt ein Kleinstädtchen mit ebenso traumhafter Bausubstanz? Verstehe ich nicht. (Oder ich stelle mich an dieser Stelle lieber etwas dumm… )

Aus meinem Domizil in ehemaliger Zonenrandlage fahre ich auch mal schnell nach Braunschweig. Letzteres ist näher an Wernigerode als Halle! Dort im Museum Herzog Anton Ulrich – wunderbare Sammlung! – wundere ich mich über 2 äußerst ähnliche Gemälde. Laut Museumsexpertise stammt eines von Tintoretto, das andere von Veronese, Freunden und Konkurrenten sondersgleichen. Letzteren liebe ich besonders innig, ohne mich zum Experten aufzuschwingen. Kommt mir spanisch vor. Naja, die Experten werden es schon wissen….

Einmal fahre ich spät Abends durch den Harz von Halberstadt nach Abbenrode. Kaum Mondlicht, Dörfchen ohne viel Elektrozauber, enge Kurven werden begleitet vom „Tanz der Furien“ aus Glucks „Orpheus und Euridice“ gefolgt von „Ach, ich habe sie verloren“ (1762) – Der musikalische Wahnsinn!

Ich bin kein übermäßiger Fan von Wagner, aber die DLF Begleitung „Wagner für Klavier zu 4 Händen“ zwischen Teufelsmauer und Ritterburgruinen ist an einem Sonntag Nachmittag auch recht intoninierend, quasi die Vorwegnahme der Musik zum Film.

An einem Mittwoch gen Abend entscheide ich mich auf dem Heimweg die B6 zu verlassen und wähle ab Aschersleben die Landstraße. Der Frühling ist gerade erst Grün und Weiß hervorgekrochen.

Um 20 Uhr habe ich eine Verabredung mit der Kunstgeschichte:

Ich fahre durch menschenleere, blühende Landschaften. Kleine Örtchen, kein Mensch auf der Straße – gucken wohl alle preußisch diszipliniert die Tagesschau? Die Sonne geht unter: Vor sattem Samtgrün stehen schwarze Baumstämme und reflektieren ein überirdisches Orange. Irre! Keiner auf der Straße, wie im Sience-Fiction, nur ich bummle dahin im Schritttempo Autostromern wie „der letzte Mann“.

Der Deutschlandfunk sendet punktgenau ein Sonderfeature: Tintoretto, dem Färber, zum 5oo. Geburtstag.

 

PS. Musik statt Bild zum Schluss…

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