Künstlerin spürt Harzmalern nach I Julia Bruns

Museumsleiter Olaf Ahrens und Künstlerin Christine Bergmann, Foto: Julia Bruns

 

Künstlerin spürt Harzmalern nach
Christine Bergmann bereitet mit Olaf Ahrens drei Ausstellungen vor, die reichen Schatz der regionalen Kunst zeigen

Wer sind die Harzmaler, und was zeichnet sie aus? Diesen Fragen spürt Christine Bergmann ein Jahr lang nach. Die Künstlerin aus Halle interpretiert die Motive teilweise neu. Ihre Ergebnisse und an die 100 Gemälde der großen Harzmaler werden im September an mehreren Orten präsentiert.

Der 7. September wird ein aufregender Tag für Christine Bergmann. Die Malerin darf an diesem Tag gleich drei Ausstellungen mit eröffnen – eine davon komplett mit ihren Werken bestückt. Und die Gemälde, die sie dann der Öffentlichkeit präsentieren will, hat die 41-Jährige möglicherweise heute und morgen, in den zurückliegenden acht und in den nächsten vier Monaten gemalt. Bergmann ist Heimat-Stipendiatin.

9 Künstler, 8 Museen in Sachsen-Anhalt. So das Prinzip. Die gebürtige Dessauerin, die in Halle lebt, hat das Los gezogen, sich in Wernigerode mit den Harzmalern auseinandersetzen zu dürfen. Dafür fährt sie immer wieder zum Harzmuseum, analysiert Bilder in der Dauerausstellung und im Depot, geht in die Wälder, um den Orten nachzuspüren, die Pramme, Illies, Jüttner und Hallbauer einst auf Leinwand gebannt haben. Sie ordnet die Gemälde in die Geschichte ein. „Für meine Stipendiumsarbeit male ich auch Bilder nach denselben Fotografien, die die Künstler selbst verwendet haben, und interpretiere die Motive neu“, verrät sie. Etwa 20 bis 30 Gemälde – Leimfarbe auf Leinwand – werden so entstehen. Gezeigt werden sie im Schiefen Haus. Aufgeregt ist Christine Bergmann schon jetzt.
Zum Internationalen Museumstag am Sonntag hat sie Olaf Ahrens, Leiter des Harzmuseums und des Archivs, bei einer Führung durch das Depot unterstützt. Die Führung ist ein erster Vorgeschmack auf die beiden weiteren Ausstellungen, die am 7. September öffnen: Im Harzmuseum werden dann Gemälde der Harzmaler des 19. Jahrhunderts gezeigt. In Zusammenarbeit mit dem Kunst- und Kulturverein präsentiert die Stadt Werke des 20. Jahrhunderts in der Galerie 1530. 80 bis 100 Bilder wählen Ahrens und die Malerin derzeit aus dem Schatz des Depots für die Ausstellungen aus.

Andrang im Depot

400 Gemälde und etwa 1200 grafische Blätter und Aquarelle sind im Depot untergebracht, verrät Olaf Ahrens den Gästen. „Wir haben einige wenige ausgewählt, die herausragen“, kündigt er an. „Bei Bruno Jüttner sind wir uns noch nicht ganz einig. Denn Frau Bergmann hat ihre eigene Sicht auf die Kunst.“ Als Künstlerin bewerte sie die Bilder naturgemäß auch aus technischer  Perspektive.
Umso schwärmerischer betrachtet sie die Werke von Otto Illies. Der Großteil der Stunde, die die beiden Fachleute über Harzmalerei sprechen, widmen sie dem 1881 im japanischen Yokohama geborenen Künstler, der aus einer wohlhabenden Hamburger Handelsfamilie stammt und erst 1924 in den Harz kam. Sein Selbstporträt aus dem Jahr 1913 ist das erste Werk, das die Besucher betrachten.
„Otto Illies ist mir sofort aufgefallen“, sagt Christine Bergmann. „Er ist voll auf der Höhe seiner Zeit. Sein Umgang mit der Farbe zeigt, dass er ein expressiver Impressionist ist.“ Fallende Linien, der erfrischend sparsame Einsatz von Weiß – die bildende Künstlerin erläutert, was ihr auffällt, wenn sie vor den Bildern steht. Die Besucher hören gespannt zu. Auch Ludwig Hoffmann, Wernigerodes früherer Oberbürgermeister ist unter den Kunstinteressierten. „Otto Illies war Mitglied der evangelischen Bekenntnisgemeinde in Wernigerode, die nationalsozialistisch kritisch war“, wirft er ein. Illies, der sich eine Villa mit großzügigem Anwesen im Zwölfmorgental bauen lies, sei auch schriftstellerisch aktiv gewesen, berichtet Ahrens.

Uneins über Bruno Jüttner

Er greift ein Gemälde von Christian Hallbauer, dann ein  zweites. Das erste stammt aus seiner Zeit in Wernigerode, wo er 1900 geboren wurde. Ein klassisches Baumporträt. Das zweite ist aus den 1950er Jahren, als er bereits in Norwegen lebte, wo er 1954 verstarb. Das Oeuvre des Malers, dem unter den Nazis ein Berufsverbot auferlegt wurde, könne in zwei Phasen unterteilt werden. „Die erste ist eher statisch, unbewegt: Klassische Landschaften mit Brockenblick. Ich finde die zweite Periode interessant“, sagt Christine Bergmann. Geheimnisvolle Fjorde, nicht ganz so detailreich, dafür stimmungsvoller seien die Bilder.
Weniger kann sie den Werken des 1880 in Wernigerode geborenen Bruno Jüttner abgewinnen. „Ich fühle mich nicht so angesprochen wie von Otto Illies‘ Bildern. Interessant ist, dass sie unmittelbare Zeitgenossen waren.“ Olaf Ahrens präsentiert ein Bild, das viele noch nie gesehen haben.
Galerist Richard Küster drängt nach vorne, näher will er das Gemälde, das eine Winterlandschaft zeigt, betrachten. „Das habe ich noch nie gesehen, mir gefällt es unwahrscheinlich gut“, sagt er. Olaf Ahrens empfindet die Kunst Jüttners als „einfach schön und stimmungsvoll, manchmal vielleicht sogar zu gefällig“.
Im zweiten Raum des Archivs zeigen Ahrens und Bergmann Werke von Georg Heinrich Crola, Ernst Helbig und Ernst-Walter Gemm, unter anderem ein Bild des Forsthauses im Christianental.

Wenig Geld für neue Bilder

Nur ein sehr kleiner Teil der 400 Gemälde in Besitz des Harzmuseums stammen aus dem 19. Jahrhundert. „Bei Helbig würde ich vermutlich noch einmal schwach werden, wenn eines seiner Bilder in einer Auktion auftaucht“, gesteht Olaf Ahrens. „Aber den können wir uns vermutlich nicht leisten.“ Einige wenige Tausend Euro stehen dem Harzmuseum für die Anschaffung neuer Gemälde im Jahr zur Verfügung. Verkauft werde nichts.

Museumsleiter und Künstlerin vor einem Gemälde von Otto Illies, Foto: Julia Bruns

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