Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen I Christine Bergmann

Eigentlich suchte ich mal wieder etwas ganz anderes im Netz und stolperte dabei über ein kleines Heftchen „Vom deutschen Herzen – Werke neuerer deutscher Maler“. Die Ausgabe vom Sommer 1917, also mitten im 1. Weltkrieg, war billig. Viel falsch machen konnte ich also nicht. Ich war neugierig: Was war denn so en vogue für den Durchschnittsbürger in 1917? Was hat er denn so gesehen vor 100 Jahren?

Eine einzelne Ausgabe kann natürlich nicht stellvertretend genommen werden. Aber das kleine Heftchen hat mich doch verblüfft. Wir rekapitulieren mal kurz ein paar Eckdaten:

Wir lassen dabei aus … die misslungene Nationalstaatsgründung mit der Revolution 1848, Deutsch-Französischer Krieg 1870/71, 1871 Gründung Deutsches Reich als Nationalstaat + Kaiserreich…..

In etwa steigen wir kunsthistorisch hier ein:

Irgendwo zwischen 1860 bis 1875 kommt in Frankreich der Impressionismus auf, mit leichter Verzögerung in Deutschland. In Frankreich „savoire vivre“ – zu leben wissen -, in Deutschland Tendenz zur Schwermütigkeit, dem Realismus mehr verwandt – Warum eigentlich?

Richard Muther schreibt am Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts noch über Lovis Corinth als aufgehendem Stern am Firmament der Malerei, welcher in Deutschland noch zu wenig Aufmerksamkeit bekommt – er hat sich nicht geirrt! Womöglich: Muthers Schriften haben den Erfolg Corinths und anderer Maler im positiven Sinne erst herbeigeredet – wer weiß es schon genau…

Etwa zeitgleich (1898) wird Käthe Kollwitz vorgeschlagen von Max Liebermann für die kleine Goldmedaille der Großen Berliner Kunstausstellung, was Kaiser Wilhelm II. ablehnt als „Rinnsteinkunst“. Im Übergang des 19. zum 20. Jh. kommt der Jugendstil in Mode. Ab ca. 1905 entstehen die ersten Tendenzen des Expressionismus, welcher kunstwissenschaftlich betrachtet ab etwa 1912 in voller Blüte steht. Daneben existieren zeitgleich weiterhin Realismus, Naturalismus, Symbolismus, Historismus… Die wenigsten Künstler lassen sich „sauber eintüten“, arbeiten mal so, mal so.

Somit Rückkehr zur Frage: Was also hat der geneigte Leser, der 1917 die besagte Zeitschrift kaufte, gesehen in der Rubrik „Neuere deutsche Malerei“.  Ich möchte es mal vorrechnen in Bezug zum Erscheinungsjahr der Zeitschrift:

Louis Eysen, *1843 -† 1899 – 1917  bereits 18 Jahre tot.

Wilhelm Leibl, *1844 – † 1900 – in 1917  immerhin  17 Jahre tot.

Ludwig Freiherr von Gleichen-Rußwurm, *1836 – † 1901 – 1917  leider  16 Jahre tot.

Otto Scholderer, *1834 – † 1902 – mit 68 verstorben, in 1917 durchaus 15 Jahre tot.

Adolph Menzel, *1815 – † 1905 – 90 Jahre geworden! Aber, es läßt sich nicht verheimlichen:  in 1917 nun auch 12 Jahre tot.

Fritz von Uhde, *1848 – † 1911 –  ist 1917 erst 6 Jahre tot!

Johann Sperl, *1840 – † 1914 – 3 Jahre zuvor verstorben.

Karl Haider, 1846 – † 1912 – somit tot.

Oskar Zwinscher, * 1870 – † 1916 – kurz zuvor verstorben.

Fritz Boehle, * 1873 – † 1916 – 43 Jahre jung gestorben. Traurig!

Wilhelm Trübner, *1851 – † 1917 – stirbt noch im gleichen Jahr.

Toni Stadler, * 1850 – † 1917 – gleichfalls.

NUN: DIE IN 1917 NOCH LEBENDEN!

Eduard von Gebhardt, 1838 – † 1925 – 1917 erst 79 Jahre alt.

Hans Thoma, *1839 – †1924 – zum Erscheinen des Heftchens 78 Jahre jung.

Wilhelm Steinhausen, *1846 – † 1924 – in 1917 mit 71 noch putzmunter.

Leopold Graf von Kalckreuth, * 1855 – †1928 – 1917 ist er 62 Jahre alt.

Viktor Thomas, * 1855 – †? – zum Erscheinen des Heftchens in 1917 offenbar noch quick lebendig, da kein Todesdatum verzeichnet. Auch bei Wiki nix zu finden.  Lebt wohl noch eine unbekannte Schrödingerexistenz?

Der Logik des Heftchens folgend nun die „Jungspunte“ unter 60 Jahren . . . Je jünger die Künstler, desto problematischer wird`s dann später mit der Biografie…

Christian Landenberger, *1862 – † 1927 – in 1917 ist er 55 Jahre alt.

Adolf Hengeler, *1863 – † 1927 – in 1917 etwa  54 Jahren.

Arthur Kampf, *1864 – † 1950 –  erhielt 1902 (mit etwa 38) die Große Goldmedaille der Großen Berliner Kunstausstellung;  in 1917 war er 53, und wurde 1944, also mit 80, von Hitler persönlich als einer von nur 4 Malern in die „Sonderliste der Gottbegnadeten“ aufgenommen.

Ludwig Dettmann, * 1865 – † 1944 in Berlin – 1894 erhielt er auf der Großen Berliner Kunstausstellung eine kleine Goldmedaille (also ca. mit 29), kam mit 79 auf die „einfache“ Gottbegnadeten Liste, welche 1041 Künstler aller Sparten zählte, auch eine ganz problematische Biografie im 3. Reich, ei-jei-jei..

Es würde wohl lohnen, die komplette NS-Liste der „Gottbegnadeten“  zu kennen. Immerhin hat es u.a. auch Gerhart Hauptmann, * 1862 – † 1946, darauf geschafft.

Die Aufzählung von Künstlern aus nur einem zufälligem Heftchen bleibt natürlich ausschnitthaft, da es sich um nur eine von vielen returnierenden Zeitschriften handelte, welche über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, erschienen. Als Parallelbeispiel:  Von 1910 bis 1932 gab es u.a. die expressionistische Zeitschrift „Der Sturm“.

In etwa steigen wir für heute kunsthistorisch hier aus:  1914 Gründung der Burg Giebichenstein Halle ; 1919 Gründung Bauhaus Weimar*

Fortsetzung folgt….

 

*ergänzend: Genau genommen handelte es in beiden Fällen nicht um „Gründungen“ sondern eher Umgründungen bzw. Reform(ierung)en, aber das führt hier zu weit…

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