Betriebsspionage I Christine Bergmann

Katalog „Wanderlust“ der Alten Nationalgalerie Berlin 2018 – jüngst eingegangen im Materiallager Bergmann

Letzte Woche war ich zur Betriebsspionage in der Bundeshauptstadt, Berlin!

Die Alte Nationalgalerie zeigt unter dem Titel „Wanderlust“ Gemälde von-bis… Dort traf ich alte Bekannte „vom deutschen Herzen“, Caspar D. Friedrich & Freunde sowie andere Künstler, die auch alle auf dem Harz herumgekrochen sind.  By the way: Der Harz kam ja erstaunlich kurz.

Der Maler Hans Thoma war mir bisher nie besonders aufgefallen. Aber dort hängt eines seiner Bild in der Wanderschau, dass einem zu 50% Hoffnung gibt, dass „das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ noch ein „Alleinstellungsmerkmal“ hat: Es ist nicht reproduzierbar.  Kompositorisch oder von der inneren Erzählung her scheint das Bild „Solitude“ eher unspektakulär. Der ganze „Inhalt“ oder auch die „Aussage“ – alles müßige Begriffe außerhalb der Literatur – transportiert sich ausschließlich durch seine Farbigkeit,  dem Kontrast aus einem Kobalt mit einem fast gleichhellen, kräftigen Grün. Im Katalog ist nichst von dieser Farbpräsens enthalten.

Abgesehen davon, dass ich im Moment eine vergleichbare Blau-Grün-Phase durchlebe (muss wohl am Thema liegen), ist mir das Reproduktionsproblem schon länger bekannt. Als W. Benjamin 1935 darüber schrieb, war das Readymade zwar schon erfunden, Fotografie und Film aber standen erst am Übergang vom Schwarz-Weiß zur Farbe.

Uns heute kommen die Farben und Perspektiven der 1940er bis 1990er seltsam verschoben vor. Dass das Medium und seine Technologie, z.B. die Objektive der Fotografie, den Blickwinkel prägen, wird uns eher selten bewußt, obwohl es offen sichtlich ist. Bestimmte Raumperspektiven in der Malerei des Jugendstil sind nicht zu trennen von den damaligen Möglichkeiten der Fotografie, wie mir jüngst der Illies Nachlass voll verdeutlichte. Auch der Abbildungs- und somit auch Wahrnehmungsraum, den ein Smartphone abbildet, unterscheidet sich fundamental von Letzteren ebenso wie von der Wirklichkeit etc.

Noch extremer wird es bei den Farben. Bestimmte Farben wie Kaltgrün, leuchtend Blau, Rosa im Übergang zu Magenta, sind nicht zu fotografieren, noch schwieriger zu drucken, obwohl es sich um „die Farben unserer Zeit“ (CMYK) zu handeln scheint. Und dann erst das Entwickeln der Fotos bis es halbwegs funktioniert! Unlösbare Hellseherei eröffnet sich dem Maler bei digitalen Bewerbungen: Wie mag die Bildschirmeinstellung des Empfängers aussehen, Mac oder Dose? Es graust einem zu hören, wenn Bewerbungen für Kunstpreise für die Jury über den Farbkopierer gezogen werden. Falls man in dieser LotterieLotterei als Maler den Zuschlag bekommt, müsste man sich eigentlich von der Jury die Farbkopien der eigen Arbeiten aushändigen lassen, damit man weiß, welche neuen Wege der Malerei einem bisher nicht bewußt waren…

Im Zeitalter der digitalen Allgegenwärtigkeit nimmt man das technische Abbild als wirklicher als die tatsächliche, materielle Existenz. Das sind dann eben die anderen 50%, wo der Optimismus des Malers gegenüber der „technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks  im digitalen Zeitalter“ Einschränkung findet.

Farbpräsens (Ausdruck, Wirkung, Aura, Farbraum – was immer man als Wort nehmen will) ist die entscheidende Kategorie, das Informationstool  der Malerei schlechthin. Alles andere ist vielleicht „gemalt“ (mit dem Pinsel hergestellt), aber es gehört doch zur Grafik.

Die Malerei ist nicht verpflichtet, die Farbe der Realität wiederzugeben, kann es aber.  Die Technik kann es nicht. Ein paar einfache physikalische Überlegungen genügen, um sich zu erklären, warum die Technik dies nicht kann (Licht, Strahlungskörper, Reflexion, biologische Optik des menschlichen Auges). Leider geht im Falle der Malerei, die wesentliche Information verloren.

rechts: Hans Thomas „Einsamkeit“ 1906, Katalog Wanderlust der Alten Nationalgalerie Berlin 2018

Es ging mir in den letzen Jahren oft so. Immer wieder stolpere ich in Italien über in Deutschland völlig unbekannte italiensche (Spät)Impressionisten. Zuhause angekommen stelle ich fest, dass es im Netz nicht halb so spektakulär aussieht. Ich entsinne mich an die sehr schöne Ausstellung der Moritzburg „Magie des Augenblicks“. Félix Vallotton kannte ich aus Büchern ohne mich erwärmt zu haben, und dann plötzlich diese Landschaft in einer einmaligen Farbpräsens zwischen Grün und Violett. Genial! Mein alljährlicher Wunschzettel für die liebe Familie umfasst immer unsäglich teure Kunstbildbände. Veronese, Corinth etc. alles Enttäuschungen in Grau und Braun.

Resümme: Schöne Ausstellung. Ich werde mein Verhältnis zu Kirchner positiv überdenken… Es war mir wohl entgangen, dass die alte Nationalgalerie Bonnard und Segantini hat ( oder waren die immer ausgeliehen?). Menzel geht immer, wobei ich das „Halbfertige“ besonderes interessant finde. Aber am allerbesten hat mir doch der Manet in der 2. Etage gefallen und ein Junge in Rot.

Hans Thoma, „Taunuslandschaft“ 1890 _ Rechts: aktueller Ausstellungskatalog 2018, links Zeitschrift „Vom Deutchen Herzen“ 1917

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