Die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen I Christine Bergmann

Fortsetzung zu 1917…

Obgleich uns die Kunstgeschichte lehrt, dass in 1917 der Expressionismus seine Blüte schon nahezu vollendet hat, Kasimir Malewitsch ( *1878 – †1935) in 1915 sein berühmtes Werk „Weißes Quadrat auf weißem Grund“ schuf, sah laut „Vom deutschen Herzen“ der allgemein gebildete Kunstliebhaber in 1917 womöglich eher Älteres, wir sagen heute „konservative Kunst“.

Damit steht natürlich die Frage im Raum: Was sieht eigentlich der durchschnittliche Bürger heute von der „zeitgenössischen Kunst“? Weder die Kunstzeitschriften noch die Gesellschaftsstrukturen sind zum Heute vergleichbar. Was wären denn überhaupt vergleichbare Kriterien?

Mit „durchschnittlichem Bürger“ in Fragen der Kunst meine ich z.B. Leute, die sich gerne und allgemein wohlwollend für Kunst interessieren, auch mal ins Museum, Theater, Konzert gehen, egal welches Genre, oder wenigstens hier und da mal einen Fernsehbeitrag aus der Kultursparte verfolgen etc. aber nicht unbedingt von Berufswegen große „Auskenner“ sind.

Ein Anhaltspunkt sind selbstverständlich die „Klassiker der Wohnungseinrichtung“ als Repro oder „Imitat im Stile von…“, quasi die Ersatzkunst, wie man sie von Ikea bis Baumarkt kaufen kann.

Unverkennbarer Dauerbrenner ist der Impressionismus. Aber diesen lasse ich mal genauso weg, wie die ganze nachfolgende frühe bis klassische Moderne: Klimt (*1862 – †1918) bis Mondrian (*1872 – †1944) , Modersohn  (*1876 – †1907) bis Kahlo  (*1907 – †1954) & Co.

Auch Dalí (*1904 – †1989) und Miró (*1893 – †1983) sind einfach nicht tot zu kriegen. Ersterer bei Teenagern, Letzterer in Zahnarztpraxen. Über die pawlowsche Verquickung von bunten Flecken und hochfrequenten Bohrtönen müsste eine kunstpsychologische Studie angestrengt werden…

Und selbstverständlich übergehe ich den echten Deko-Kitsch, der jeglicher stilistischen Einordnung spottet, # Google Bildersuche zeitgenössische Kunst – Mein lieber Benjamin!

Ich meine, man müsste eine Schnittmenge bilden zwischen zwei Themen: Was gilt als Meisterwerk „aktueller Kunst“? + Was würde sich der Normalsterbliche zu Hause hinhängen?

Ich vermute, die Schnittmenge liegt etwa hier:

Andy Warhol – *1928 – †1987 – in 2018 seit 31 Jahren tot.

Roy Lichtenstein – *1923 – † 1997 – in 2018 immerhin 21 Jahren tot.

Keith Haring, *1958 – † 1990 – jung gestorben, 28 Jahre tot.

David Hockney, *1937 – still alive

Es muss ergänzt werden, dass unsere Kunstmuseen mit ihren Reproplakaten zur Verbesserung der Wohnkultur darüberhinaus beitragen mit beispielsweise Gerhard Richter (*1932).

Eine neutralere Sichtweise bietet womöglich der Vergleich der kuratierten Auswahl. Was darf heute in einem deutschen Museum für zeitgenössische Kunst von Rang und Namen nicht fehlen (über oben Genannte hinaus)? Ich habe nur mal sporadisch ein paar Sammlungen auf Schnittmengen verglichen, ohne wissenschaftlichen Anspruch natürlich. In der Darstellung des Resultats erspare ich mir Lebensalter und Todesdaten in der Beziehung zwischen „must have“ 1917 und 2018, sortiere aber nach Geburtsjahr, um es der Zeitschrift aus 1917 vergleichbarer zu machen.

(selbstverständlich nur Auswahl)

Jackson Pollock, *1912 – †1956

Joseph Beuys, *1921 – †1986

Robert Rauschenberg, *1925 – †2008

Donald Judd, *1928 – †1994

Sol LeWitt, *1928 – †2007

Cy Twombly, *1928 – †2011

Jasper Johns, *1930

Nam June Paik, *1932 – †2006

Frank Stella, *1936

Georg Baselitz, *1938

A. R. Penck, *1939- †2017

Imi Knoebel, *1940

Markus Lüpertz, *1941

Bruce Nauman, *1941

Sigmar Polke, *1941 – †2010

Peter Fischli  *1952 /David Weiss *1942

Rebecca Horn, *1944

Jörg Immendorf, *1945 – †2007

Bill Viola, *1951

Rosemarie Trockel , *1952

Martin Kippenberger, *1953 – †1997

Cindy Sherman, *1954

Andreas Gursky, *1955

Neo, Pippilotti, Via, Moritz sind natürlich noch Jungspuntende* mit einem Geburtsjahr ab/nach 1960. Und ich entschuldige mich,  dass an dieser Stelle bestimmte ostdeutsche Größen ganz fehlen – rein zeitlich betrachtet wäre es jedoch gleich.

Und nun auch das noch! Vor 3 Tagen ist der Erfinder des Gansta Rap gestorben mit 73 Jahren.

Da hilft nur Käster (*1899 – †1974) : „Die Zeit vergeht. Sie weiß es nicht besser.“ Aus: Das doppelten Lottchen

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