Fundort unbekannt (Thomas Jeschner)

Heimat ist eine zunehmende Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung.

Die Radiosender, die in der Senke des ehemaligen Salzigen Sees über das Autoradio zu empfangen sind, stehen unter einer Art besonderem Denkmalschutz. Ich springe zwischen fünf Sendern umher und fühle mich in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückversetzt. …. Limahl, Sandra, Bon Jovi, Cindy Lauper … ich bleibe bei Starchip – We Built This City hängen.

Ich fahre nach Eisleben. Lutherstadt Eisleben. So heißt die Stadt offiziell seit 1946.

Fundort unbekannt

Vor wenigen Jahren hofften die der Stadt Wohlgesonnenen, in großer Zahl Besucher aus allen Teilen der Welt hierher zu locken. Eine ganze Dekade wurde von Bundes- und Landespolitik unter ein Motto gestellt. Die Lutherdekade. Der Beginn der kirchlichen Reformation mit der Veröffentlichung von 95 Thesen durch den damals noch recht unbekannten Mönch Martin Luther 500 Jahre zuvor gab den Anlass für rege Bau- und Feiertätigkeit. Politische Aufmerksamkeit, Geld zur Sanierung oder Neubau von Museen, Gedenkstätten und Infrastruktur kamen für zehn Jahre den Orten, in denen sich die Luthergedenkstätten befinden, zugute.

In Eisleben wurden Wege umbenannt, Sprüche an Fassaden angebracht, in Metall gegossene „Lutherrosen” als Wegemarkierungen für den städteumspannenden Lutherweg in das Straßenpflaster eingelassen. Die beiden Luthergedenkstätten, in denen sich das Regionalgeschichtliche Museum für die damaligen Kreise Eisleben und Hettstedt befand, wurden grundlegend saniert, mit Neubauten erweitert, die Ausstellungskonzeptionen  grundlegend verändert. Eine für alle Luthergedenkstätten konzipierte Stiftung übernahm fortan die Leitung – auch über die beiden neu gestalteten Häuser in der Stadt.

Die Regionalgeschichte der Stadt ist sichtbarer denn je mit dem Namen Luther verbunden. Die Regionalgeschichtlichen Sammlungen jedoch gehen in ihrem Bestand und in ihrer Entwicklung weit über Luther hinaus. Geschichte ist in Eisleben nicht nur Luther. Geschichte spinnt sich um den Alltag einer Kleinstadt, um die Industriegeschichte, vor allem das Mansfelder Berg- und Hüttenwesen. 800 Jahre Tradition. Vor einer Generation eingestellt. Immer wieder als Träumerei von einem künftig sich wiederholenden wirtschaftlichen Aufschwung hervorgekramt.

Und die Geschichte reicht noch weiter zurück. Umfasst weitaus mehr. Aufgeschrieben von Chronisten, Bergräten, Gymnasiallehrern, Schriftstellern. In nicht gezählten Spaziergängen und Exkursionen erforscht, ausgegraben. Begutachtet und beschrieben in Stuben, Kellern, Studierzimmern. Nach und nach zu den Regionalgeschichtlichen Sammlungen der Stadt zusammengetragen und zusammen geschenkt. Von Generationen besucht.

Suche im Bestandsbuch der Regionalgeschichtlichen Sammlungen

Schnitt.

Die Sammlungen existieren. Nicht nur auf dem Papier, in Karteikarten und Bestandsbüchern mehr oder minder nachhaltig und sorgsam erfasst oder digital aufgenommen in Suchregistern im Internet. Die Sammlungen befinden sich mitten in der Stadt. Sie sind an mehreren Orten untergebracht. In Kisten, Regalen, Vitrinen, an Wänden, auf Speichern.

Die Sammlungen sind – bildet zur deren Bemessung die Registratur die Grundlage – mittlerweile weder vollständig noch sauber sortiert.

Sie sind derzeit in keinem Museum untergebracht. Nicht mehr. Eine Erinnerung an die Lutherdekade. Die Stiftung Luthergedenkstätten konnten mit den so unterschiedlichen Beständen nichts mehr anfangen und lösten 2006 den bestehenden Depositenvertrag mit der Stadt auf. Alle Sammlungsbestandteile ohne einen Bezug zu Luther wurden aus den Lutherhäusern entfernt. Die Idee aus dem Jahr 1983, Regionalgeschichte und Luther gemeinsam der Öffentlichkeit zu präsentieren, hatte mit einigen wenigen Verwaltungsakten so ihr Ende gefunden.

Blick in die Vogelsammlung, ursprünglich im Bestand des Königlichen Gymnasiums zu Eisleben

Die Lutherdekade ist vorbei. Die Luthergedenkstätten werden vermarktet. Nachhaltige Lösungen für die Gesamtheit der Sammlungen wurden seitdem noch nicht gefunden. Die unter Denkmalschutz stehende Kerßenbrocksche Tellersammlung wird in der Malzscheune ausgestellt. Der Kamerad Martin war schon immer im Stadtbild präsent. Ein kleiner Ausstellungsraum im Stadtarchiv zeigt wichtige historische Zeugnisse. Doch das Gros des Bestandes bleibt vorerst noch der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Und so warten manche Zeichnungen und Gemälde auf eine Zuordnung, die Handschriften, Mineralien, Fossilien auf Wiederentdeckung, die Geschiebe, die Alltagsgegenstände aus vergangenen Jahrhunderten auf Tageslicht und eine neue Erfassung. Der Faustkeil, das Einboot, die Bandkeramiken, die Sammlungen vom Bergrat Plümicke auf Zuspruch und Interesse von Menschen, Mansfeldern und Touristen.

Und das Idiotikon erst!

Ich komme in Eisleben an, fahre zum Parkplatz in der Nähe der Alten Bergschule, verabschiede mich von den Hits aus den 80ern und tauche ab in die Regale, Kisten, Kartons. Spreche Menschen an und hoffe auf Entdeckungen von Geschichte.

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