Glück auf! – Dauerregen, Bergbauromantik und Sinusitis frontalis | Nora Mona Bach

 

 

 

Dauerregen und Sinusitis frontalis kichern und schicken mich – statt in den Schacht im Mansfelder Land – in die Theorie.

Novalis schlendert hustend um die Ecke. Tuberkulos oder Mukoviszidose, wer weiß das schon. „Glück auf! Oder städtisch neudeutsch: Hallo.“ „Hm. Naja. Ja. Ok. Hallo. Auch einen Tee? Vorsicht. Is‘ noch heiß.“ Er setzt sich mit einem Buch – in blauem Leinen gebunden – an den Tisch. 

Er schreibt, das macht er als erstes deutlich, keineswegs von den Bergwerken, in die er höchst selbst in Sachsen hinabgestiegen ist. Im fünften Kapitel seines fragmentarischen Romans Heinrich von Ofterdingen lässt Novalis einen alten Bergmann erzählen. Hier dokumentiert er nicht die körperliche, mühsame und schmutzige Arbeit des Bergmanns unter Tage oder einen technologischen Zusammenhang, er umschreibt das „Bergwerke der Seele“[1]. Die Erzählungen des Bergmanns und das Durchschreiten der Höhle eröffnen seinem Protagonisten Heinrich vielmehr sein eigenes „inwendige[s] Heiligthum“[2]. In dieser unwirklichen wie wirklichen Tiefe der Natur wird er konfrontiert mit Dimensionen von Natur, Geschichte, Religion und auch der Sexualität.

Novalis schlürft mit mir einen Schluck Ingwertee, schlägt eine Seite auf, tippt nickend auf eine Zeile und konstatiert; „Perfekt geeignet als erstes gleichnishaftes Zitat zu Deinem Stipendium. Es umschreibt die Neugier auf den Beginn und von Tiefe. Na?“ Also:

„Ein fernes Getöse vermehrte meine Erwartungen, und mit unglaublicher Neugierde und voll stiller Andacht stand ich bald auf einem solchen Haufen, den man Halde nennt, vor den dunklen Tiefen, die im Innern der Hütten steil in den Berg hineinführten. Ich eilte nach dem Tale und begegnete bald einigen schwarzgekleideten Männern mit Lampen, die ich nicht mit Unrecht für Bergleute hielt, und mit schüchterner Ängstlichkeit ihnen mein Anliegen vortrug. Sie hörten mich freundlich an, und sagten mir, daß ich nur hinunter nach den Schmelzhütten gehn und nach dem Steiger fragen sollte, welcher den Anführer und Meister unter ihnen vorstellt; dieser werde mir Bescheid geben, ob ich angenommen werden möge. Sie meinten, daß ich meinen Wunsch wohl erreichen würde, und lehrten mich den üblichen Gruß ›Glück auf‹, womit ich den Steiger anreden sollte. Voll fröhlicher Erwartungen setzte ich meinen Weg fort, und konnte nicht aufhören, den neuen bedeutungsvollen Gruß mir beständig zu wiederholen. Ich fand einen alten, ehrwürdigen Mann, der mich mit vieler Freundlichkeit empfing, und nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt, und ihm meine große Lust, seine seltne, geheimnisvolle Kunst zu erlernen, bezeugt hatte, bereitwillig versprach, mir meinen Wunsch zu gewähren. Ich schien ihm zu gefallen, und er behielt mich in seinem Hause. Den Augenblick konnte ich kaum erwarten, wo ich in die Grube fahren und mich in der reizenden Tracht sehn würde. Noch denselben Abend brachte er mir ein Grubenkleid, und erklärte mir den Gebrauch einiger Werkzeuge, die in einer Kammer aufbewahrt waren.

Abends kamen Bergleute zu ihm, und ich verfehlte kein Wort von ihren Gesprächen, so unverständlich und fremd mir sowohl die Sprache, als der größte Teil des Inhalts ihrer Erzählungen vorkam. Das wenige jedoch, was ich zu begreifen glaubte, erhöhte die Lebhaftigkeit meiner Neugierde, und beschäftigte mich des Nachts in seltsamen Träumen.“ [3]

Ja, seltsame Träume. Wir sehen uns ins Wettelrode.

Glück auf!

 

[1] Ziolkowski, Theodore: German Romanticism and Its Institutions. Princeton: University Press 1990, S. 19.

[2] Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe Friedrich von Hardenbergs. Hrsg. v. Hans-Joachim Mähl und Richard Samuel. Bd. I: Das dichterische Werk, Tagebücher und Briefe. Hrsg. v. Richard Samuel. München/Wien: Karl Hanser Verlag 1978, S. 255 f.

[3] Ebd.

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Werke von Novalis im Projekt Gutenberg-DE

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