Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte […]

Fotographie meines Großvaters (Mitte) etwa um 1950 Foto: Privat im Familienbesitz / Nora Mona Bach

 

„»Wo gehn wir denn hin?«
»Immer nach Hause.«“
(NOVALIS, Heinrich von Ofterdingen. Zweiter Teil, Die Erfüllung, Das Kloster oder der Vorhof, Astbalis)

We-Chat-Nachrichten pendeln zwischen Halle und Long-You China. Für mich sind das real etwa 8.600 km – etwa ein Tag und 4 Stunden Flugreise.
Ich tipse auf die ewig glatte Oberfläche des Smartphones, tausche mich mit meiner Mutter aus, die gerade in der Ferne wohnt. In dieser Distanz steht das eigene Verständnis, die Beschaffenheit und Bindung zum Begriff ‚Heimat‘ noch einmal anders auf Probe. Ich möchte zusammenfassen und schreiben, was mich dazu bewogen hat, dieses Stipendium mit eben diesem besonderen musealen Partner mit dem Schwerpunkt des Bergbauwesens in Betracht zu ziehen.

Meine Mutter, Tochter eines Bergmannes und einer Schneiderin, geboren in Freiberg, aufgewachsen in Halsbrücke, im Schatten einer Halde, die Fenster des Hauses blicken auf das Treibehaus (8. Lichtloch) der Grube Beihilfe.  Die Grube Beihilfe war seit 1861 Hauptschacht des Halsbrücker Bergbaues. Bis in das Jahr 1969 wurde in diesem Revier Silbererz – auch von meinem Großvater Horst Wagner- abgebaut.

Ich programmiere meiner Mutter also die Fragen in den Orbit, mit denen ich an meinen Opa Hotti aufgrund der Ferne und seiner fortschreitenden Demenz nicht herantreten kann. Ich kann nicht, weil es die Umstände nicht zu lassen oder weil meine eigene Angst vor den Umständen mich sprachlos gemacht hat. In diesem Moment werden meine Zeilen auch von einem bitteren Eingeständnis bewacht, dem, im richtigen Moment zu wenige wertvolle Fragen gestellt, Zeit und Möglichkeiten verpasst zu haben. Demenz ist eine erbarmungslose Krankheit, denn sie nimmt hin: Kontrolle über den eigenen Körper und die Anbindung an Gesellschaft, sie überschreibt oder löscht ein wertvolles Gut: die Erinnerung. Wie mag sich das anfühlen, in einer unangepassten Ungewissheit zu leben und bruchstückhaft Schichtungen freizulegen, Verwandte nicht zu erkennen, zu verwechseln, Geschaffenes, Verlorenes, Haus und Heimat zu vergessen?

Es ist, als wäre sein Leben in einer besonderen Art und Weise mit dem Wandel, dem Abbau, dem Vergessen, aber auch der Beharrlichkeit verbunden gewesen und dem Element Erde: der Welt des Konkreten, des Materiellen, des Mühsamen.

„So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie.“
(Bernhard Schlink: Heimat als Utopie. Suhrkamp, Frankfurt/M. 50 S.)

Mein Großvater wurde 1934 in Promoisel bei Saßnitz auf Rügen geboren. Ein sehr kleines Kerlchen, ein Frühchen, das um die Strapazen der Geburt zu überleben, kurzerhand von der Hebamme zum Aufpäppeln in den Backofen gelegt wurde, in Heu eigebettet – die ärmliche Variante der Wärmekisten und Couveusen. Das Haus auf Rügen, in dem mein Großvater aufgewachsen ist, existiert heute nur noch in seinen Grundmauern. Zu wertvoll das Land unter und rund um die Behausung: Biogenes Sedimentgestein, das weiße Gold Rügens. Auch dort wurde ein Platz von einer neuen Geschichte überschrieben und überlagert: An diesem Flecken Erde liegt nun ein wichtiges Abbaugebiet der Kreide von Rügen – der Kreide-Tagebau Promoisel.

Rügen blieb immer ein Sehnsuchtsort meines Großvaters: Eine große Wandgestaltung einer Kreideklippe, des Königsstuhls auf Rügen, mit Weitsicht auf das Meer, schmückt noch immer den schmalen steilen Treppenaufgang im Halsbrücker Haus.

Opa Hotti war das älteste von vierzehn Kindern, der Name der jüngsten Schwester blieb bis zuletzt unbekannt, sie wurde lediglich ‚Püppi‘ genannt. Nachdem seine Mutter Anna – meine Urgroßmutter – mit 32 Jahren verstarb – wurde Horst zu seinem leiblichen Vater verfrachte, der die Familie längst verlassen hatte, so ist er in Halsbrücke bei Freiberg in Sachsen gelandet. Von hier aus sparte er auf einen richtigen Grabstein für seine Mutter, weil der Rest der armen Familie im Norden lediglich ein Holzkreuz aufstellen lassen konnte. So trat er ein in die Welt des Bergbaus, weil er so klein und dürr war, haben sie ihn in anderen Gewerken nicht für die Lehre angenommen – für den Schacht waren die Voraussetzungen aber ideal.  So ist er bereits vierzehnjährig mit eingefahren, war Beifahrer und dann selbst Lokführer, dann Bohrer -überkopf – dann Schießhauer und zum Schluss hat er selbst Dynamit für Sprengungen gesetzt. Er war einer der letzten Bergmänner, die eingefahren sind, bevor der Schacht geschlossen wurde. Selbstredend hat er viele schreckliche Unfälle miterlebt, bei denen es keine Hilfe gab: Im Gedächtnis blieb die furchtbare Geschichte, als ein Kumpel in der Steinschütte eingeklemmt wurde, nur der Kopf noch draußen, aber keine Chance, ihn zu befreien. Mein Großvater erinnerte sich an die schlimmen Schmerzensschreie. Im Gegenzug waren Bergmänner zu Zeiten der DDR hoch angesehen und wurden gebraucht. Bekannt ist vielen der Slogan: „Ich bin Bergmann, wer ist mehr?“, den DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl Ende der 1940er Jahre geprägt hatte. So wurde dieser für die Volkswirtschaft wichtige Beruf protegiert.

„Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte […]“
(Heinrich Heine / Reisebilder / Kapitel XXX)

Die Spuren auf dem Weg zur Erinnerung einer Weltgeschichte bleiben verwaschen. Die Nachrichten aus China beschreiben eine weitere Sicht. Die Erinnerungen meiner Mutter aber legen frei, auf welche Art und Weise sie geprägt wurde durch den Ort ihrer kindlichen Heimat.

Nachricht aus China: „An die ewige Angst kann ich mich auch noch erinnern, und wenn die Grubensirene losging, außerhalb des Schichtwechsels und länger, dann wusste man… es ist wieder etwas Schlimmes passiert. / Ja, ich habe das mit der Sirene auch ein bisschen verdrängt. Die Angst war ein ständiger Begleiter. Und wenn Hotti nur ein paar Minuten später von der Schicht kam, war totale Aufregung.“

Am Anfang des Dezembers 2020 ist mein Großvater Horst Wagner verstorben.

Da er sich im Heim mit dem Corona-Virus infiziert hatte, war es den Angehörigen nicht möglich, ihn zu besuchen. Meine Tante Ceres und meine Mutter haben in diesen schweren Stunden ein Beerdigungsinstitut in Freiberg aufgesucht, dessen Mauerwerk die Inschrift ‚Die letzte Schicht‘ ziert. Die Urne schmückt ein goldenes Emblem: Schlägel und Eisen. 

Mein Großvater war ein beeindruckender, zäher, ruhiger Mann mit viel Humor. Seinen nordischen Dialekt hat er mit ins Erzgebirge getragen. Unter den Kumpels war er als ‚Rügenjunge‘ bekannt. Er war für mich persönlich ein wertvoller, ausgleichender Lebensbegleiter, der wichtige Spuren und Erinnerungen hinterlassen hat.

Glück auf !

Glück auf dem, der fleissig und aufrichtig ist,
Glück auf dem, der Gottesfurcht nimmer vergisst,
Glück auf dem, der bergmännisch Tugend liebt,

Glück auf dem, der solchen gesetzlich gibt,

Glück auf! mein Ruf hinab in den Schacht,
Glück auf! mein Wunsch in Bergesnacht,

Glück auf! mein Gruss dem Sonnenlicht,
Glück auf! mein Trost wenns Auge bricht.

(Bergmannsspruch)

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