Vorübergehend geschlossen … (Thomas Jeschner)

Geschlossen.

Zeit. Wir ordnen sie in Einheiten. Versuchen sie, damit für uns zu fassen. Ein Kalender nach dem anderen. Aufgereihte Zahlen, lineares Denken. Alles scheint so zuordenbar. Kisten, Konzepte, Regale, Vitrinen.

Wir sagen: ein Jahr. Es ist jetzt gut ein Jahr seit den ersten Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens vergangen. Wir haben viel erlebt, viel gemacht, viel unternommen. Wir haben viel nicht unternommen. Viel still gestellt, sein lassen.  In den Zeiten der Pandemie haben im Land seit Monaten alle kulturellen Räume geschlossen.

Eine plurale, demokratische Gesellschaft benötigt öffentliche und geöffnete Räume zum Denken und Sprechen. Eine Stadt, eine Gemeinde – egal wie groß – ist eine eigene Gesellschaft. Es gibt viele Orte, die solche Sprech- und Denkräume sein können. Theater, Kinos, Kulturhäuser, temporäre Kulturräume, Galerien, Konzertsäle, Vereinsräume … und, klar: Museen.

Ein Jahr Pandemie. Auf und ab. Fragen, Furcht und Frust. Sicherheitsabstand, Schutz und Solidarität. Ein zweiter Lockdown. Mitten drin. Unsere Kultur ändert sich. Nach der Pandemie wir nicht so sein, wie davor. So erzählen wir uns.

Seit wenigen Tagen gibt es einen mehrstufigen Öffnungsplan. Museen dürften in Zusammenhang mit aktuellen Fallzahlen, den Hygieneregeln und speziellen Zugangsbegrenzungen ab heute wieder öffnen – im Gegensatz zu Kulturräumen wie Theater, Kinos und Konzertorte. Einige der Museen, die im Rahmen des Heimatstipendiums Künstler:innen ein Stück Heimat bieten, werden diese Woche sich wieder dem Publikum stellen. Öffnen. Der Zustand, den sie alle mit den Regionalgeschichtlichen Sammlungen in Eisleben seit drei Monaten geteilt haben – einen Sammlungsbestand verwalten, den niemand zu Gesicht bekommt – wird dann vorbei sein. Die Museen sind für ihr Publikum da.

Und Eisleben?

Die Alte Bergschule in Eisleben. Eine Kostbarkeit beherbergt Kostbarkeiten.

Das Theater in Eisleben wurde als erstes deutsches Nachkriegstheater im Juli 1945 neu gegründet. Als Bürgertheater. Es wurde dann verstaatlicht, mehrfach umbenannt. Die letzten Fusions- und Schließungspläne seitens der Landespolitik stecken den Theaterleuten in Eisleben noch in den Knochen. Frühestens im April wird es wohl wieder Vorstellungen geben.

Das letzte Kino, 1979 noch mit einer Visions-Bar ausgestattet, stellte 1997 seinen Betrieb ein. Das seit der Schließung verfallende Haus wurde 2007 abgerissen und machte den Stadtterrassen Platz. Heute gibt es einen ostalgisch gefangenen Kinoverein, der im Grunde nicht mehr aktiv ist. In jedem bewohnten Haus in der Stadt stehen Fernseher und die Streaming-Angebote fesseln die Menschen auf ihren Sofas.

Die Luther-Stiftung verantwortet in der Stadt zwei Museen: Luthers Geburtshaus und Luthers Sterbehaus. Teile der Ausstellungsstücke gehören zum Bestand des Regionalgeschichtlichen Museums. Die beiden Museen werden wieder ihre Räume öffnen. Die Frage ist, für wen?

Luthers Geburtshaus. Eine Kostbarkeit. Das alte Heimatmuseum hatte hier einen Standort.

Was macht das momentan mit unserer Gesellschaft, wenn wir kaum öffentliche Räume haben, uns unseres Zustandes zu versichern, uns Geschichten zu erzählen. Es geht doch nicht nur um das Recht, Demonstrationen abzuhalten, sich in einem anonymisierten digitalen Raum ständig Bestätigung für die eigene Meinung abzuholen. Es geht um das Recht, Kunst und Kultur zu produzieren und sich damit und darüber auszutauschen. Wenn wir uns keine Geschichten mehr über uns selbst erzählen, dann …. ja, was dann?

Gehen wir weiter und weiter ins Digitale? Verstummen wir?

Wie und wo kommen wir miteinander ins Gespräch? Angesicht zu Angesicht.

Wo werden wir uns im ländlichen Raum, in den Kleinstädten treffen und darüber reden, was wir seit einem Jahr gemeinsam erleben? Wird die Pandemie irgendwann Thema in einem unserer Museen sein?

Ich werde mich übermorgen mit dem Bürgermeister zu einem Interview über die Sammlungen treffen.

Das Gespräch ist eröffnet.

 

Fotos: Thomas Jeschner

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