Ausflug nach Neinstedt (Mareen Alburg Duncker)

Neben sehr viel Lesestoff zum Thema NS-Euthanasie und zahlreichen Telefonaten mit zuständigen Mitarbeitern verschiedener Stiftungen konzentriere ich mich mehr und mehr auf meine eigentliche Arbeit. Die Literatur ist umfangreich und manchmal schwer auszuhalten. Dann  vertiefe mich in die künstlerische Umsetzung.
Ich beginne mit ersten Entwürfen zu zwei Frauen, von denen ich teilweise sehr persönliche Dokumente gelese habe. Das Arbeiten mit meinen Händen schafft den Ausgleich zum schweren Thema.
Ruth Rosa Mühlmann erkrankte mit 2 Jahren an Scharlach und hatte seitdem Einschränkungen in ihren geistigen Fähigkeiten. Mit 11 Jahren wurde sie in die Neinstedter Anstalten aufgenommen, wo sie bis zu ihrem Transport im Januar 1941 nach Bernburg lebte.

Neinstedter Anstalten, heute und um 1930

Sie wurde von ihrer Familie sehr geliebt und oft besucht. Es existieren einige Briefe des Vaters, in denen er sich nach Ruth´s Befinden erkundigt. Für Ruth soll ein Anhänger in Form eines Herzens aus filigranem Draht entstehen. Mit der Filigrantechnik mache ich mich gerade vertraut.


mein Werktisch, Herstellung von filigranem Draht aus Silber

Presse in Bernburg (Mareen Alburg Duncker)

Gemeinsam mit unserer Redakteurin Ines Godazgar fuhr ich am 26. Oktober nach Bernburg.  Frau Dr. Hoffmann und Frau Gebauer hatten weitere Biografien von Opfern herausgesucht. Diese sind meist von den Angehörigen zusammengetragen worden. Auch Fotos konnte ich sichten, von Opfern und Tätern gleichermaßen.
Generell gibt es in dem Archiv der Gedenkstätte nur wenige Originalfotos und auch keine Krankenakten, denn die meisten sind entweder bei den Angehörigen oder aber im Bundesarchiv in Berlin gelagert. Im Bernburger Archiv lagern die gefälschten Akten, in denen die TäterInnen falsche Todesdaten und- ursachen eintrugen.


Ich blättere im Ordner mit Fotodokumenten, Frau Gebauer erklärt mir, wen ich sehe.

Zu dem Arbeitstreffen war auch die Bernburger Presse eingeladen. Über den ausführlichen Beitrag von der MZ-Redakteurin freuten sich alle Beteiligten.


vor der Fotowand im Untergeschoss der Gedenkstätte

ERINNERN (Gedenkstätte Bernburg – Mareen Alburg Duncker)

Heute vor einem Jahr wollte ein Antisemit in der Jüdischen Synagoge hier in Halle ein Blutbad anrichten. Die Tür hielt stand. Ermordet hat er dennoch zwei Menschen.

STILLE

An diesem grauen Tag füge ich einen Beitrag zu diesem Blog hinzu, weil die Umstände so dicht an meinem Thema sind. Ich beschäftige mich derzeit sehr viel mit den persönlichen Daten und Fotos einiger Opfer der „NS-Euthansie“, die ich von der Gedenkstätte Bernburg schon erhalten habe. Die einzelnen Puzzlestücke zeigen mir ein Bild von dem Menschen, für den ich einen Schmuck entwerfen werde.
Stück für Stück nähere ich mich diesem schweren Thema deutscher Geschichte an, muß aber zwischendurch Abstand nehmen, damit mich die Emotionen nicht überrollen.

Neben den persönlichen Daten und Fotos beschäftige ich mich auch mit den Orten, an denen die Opfer gelebt haben, mit den Anstalten, in denen sie verwahrt wurden, mit dem letzten Gebäude, daß sie gesehen haben, als sie mit dem blauen Bus auf dem Bernburger Klinikgelände ankamen.

Dazu konnte mir Anke Triller sehr viel berichten. Sie ist die Koordinatorin der Frauenorte in Sachsen-Anhalt und besuchte mich am Mittwoch in meinem Atelier. Auch die Gedenkstätte in Bernburg gehört zu den 51 Frauenorten in unserem Bundesland.

 

Ein erstes Treffen in der Gedenkstätte für Opfer der NS-„Euthanasie“ in Bernburg (Mareen Alburg Duncker)

Nach einer spannenden Telefonkonferenz im Mai und vor einer kurzen Sommerpause im August stand der Termin für eine Fahrt in die Gedenkstätte fest. Gemeinsam mit der Kuratorin Ines Engelmann und der Redakteurin Ines Godazgar fuhr ich als Heimatstipendiatin am 14.7.20 nach Bernburg, um dort die Leiterin der Gedenkstätte Frau Dr. Hoffmann und ihre Stellvertreterin Frau Gebauer persönlich kennenzulernen.
Meine Neugierde paarte sich mit Aufregung an diesem heißen Tag. Wir wurden sehr herzlich empfangen und besprachen im neutralen Konferenzraum die Vorstellungen unserer Zusammenarbeit. Ich erläuterte mein Vorhaben, für einige der hier ermordeten Opfer einen Gedenkschmuck anzufertigen, und stieß auf große Zustimmung.

Foto: Ines Godazgar

Ich war und bin begeistert über die unkomplizierte und so offene Zusammenarbeit mit ganz konkreten Ideen. Ich erhielt schon jetzt die Zusicherung, daß die entstehenden Stücke in das Ausstellungskonzept eingebunden werden sollen. Und auch den Vorschlag von Frau Dr. Hoffmann, daß sie mir eine Vorauswahl an Lebensläufen mit Bildmaterial von Opfern als pdf-Dokumente zusendet, nahm ich gerne an. Nachdem ich mich intensiv mit dem vorliegenden Material beschäftigt habe, werde ich für einige der hier ermordeten Menschen einen persönlichen Gedenkschmuck anfertigen.
Nach unserem Gespräch suchte ich das Kellergeschoß mit Gaskammer, Sektionsraum und Krematorium der Gedenkstätte auf. Ich wollte die Atmosphäre in Ruhe auf mich wirken lassen und auch die vielen Informationen der Dauerausstellung  Die Vernichtung der „Unbrauchbaren“ lesen. Besonders bewegend war für mich, wie schon beim ersten Besuch der Gedenkstätte, die Betrachtung der Fotowand mit Bildern der Opfer. Die Wirkung ist stark, der Blick in die Gesichter schafft Nähe und Sprachlosigkeit zugleich. Sie werden wichtige Inspirationsquellen für meine Arbeit sein.

Foto: Ines Godazgar