Letztes Heimatfrühstück der 2. Runde

Am 23. Juni trafen sich die zehn Stipendiatinnen und Stipendiaten der zweiten Runde des Heimatstipendiums in den Räumen der Kunststiftung, um sich und die Direktorin Manon Bursian sowie die Kuratoren Dr. Ines Engelmann und Björn Hermann auf den aktuellen Stand ihres jeweiligen Projekts zu bringen. Schön war es, sich endlich wieder direkt zu begegnen!

Wer die Wahl hat…

Mehr als 200 Einsendungen gab es für unseren Kreativ-Wettbewerb, das hätte ich nicht erwartet! Deswegen war das Auswählen der Gewinner auch eine ziemliche Herausforderung für die Jury. Wir haben uns viel Zeit genommen, um alle Bilder zu begutachten, haben viel geschmunzelt, herzhaft gelacht und waren erstaunt und erfreut über die vielen schönen und witzigen Einfälle der Kinder. So konnten wir viel Interessantes über den Lebensraum, die Lieblingsspeisen und die Spezialkräfte mancher Kreaturen erfahren.
Ich habe mich sehr über die Kreativität und den Schaffensdrang der Kinder gefreut, für die es in den letzten 1 ½ Jahren ganz schön schwierig war. Einerseits bin ich traurig, dass ich während meines Stipendiums nicht vor Ort mit den Kindern im Museum kreativ arbeiten konnte, andererseits bin ich froh zu sehen, wie gut unsere Aktion offensichtlich angekommen ist und die Kinder sichtlich Freude an der Aufgabe hatten.
Als Erwachsener ist man ja oft viel zu „verkopft“ und vernünftig (sogar als Künstlerin), das hat mir das Arbeiten mit den Kinderbildern gezeigt.
Die positive Energie, die Leichtigkeit und die unglaubliche Schaffensfreude aus den Bildern ist auf jeden Fall zu mir übergeschwappt und als die Sieger feststanden, ging es in meiner Werkstatt sofort mit dem Modellieren der Tiere los.
Die Ausdrucke der Bildern umgeben mich nun in meiner Werkstatt und nun entstehen Wesen, die den Vorlagen hoffentlich gerecht werden
Vielen Dank, liebe Kinder aus Sachsen-Anhalt, dass so viele von Euch teilgenommen haben!
Mir hat es viel Spaß gemacht, Eure tollen Fantasietiere zu bewundern und mich inspirieren zu lassen.
Ich bin gespannt, wie Euch die fertigen Keramikfiguren gefallen, die im Herbst im Museum für Naturkunde und Vorgeschichte in Dessau ausgestellt werden.
Ich kann es ja schonmal verraten, es werden mehr als die drei Gewinnerentwürfe umgesetzt… es wäre auch zu schade!

Die ersten Tiere entstehen…

für Alfred (Mareen Alburg Duncker/ Gedenkstätte Bernburg)

…ein Ring

für Alfred Fotos: Mareen A.D.

Warum habe ich für Alfred Mühlhausen als Gedenkschmuck einen Ring umgesetzt?

Es ist mehr, als ein Ring! Enstanden ist ein Behältnis, in welchem ein Stück von Alfred Mühlhausens Heimat aufbewahrt wird. Gefüllt ist dieser große Mantelring mit feinem Kalkstein, eingesammelt im Kalkbruch im Norden von Bernburg. Hier hat auch der kräftige Mann seit seinem 14. Lebensjahr gearbeitet, um seine Familie zu ernähren. Als er einberufen wird ist er 28 Jahre alt und damit endet das Leben in Freiheit, denn das war es im Vergleich zu dem, was danach kommt:
April 1915 Einzug an die Front nach Russland, im Mai 1915 Rückkehr – apathisch, schwer traumatisiert und depressiv, verstummt, Unterbringung in verschiedenen Anstalten mit der Diagnose Katanonie (Schizophrenie mit Krampfzuständen und Wahnvorstellungen), Transport in die Tötungsanstalt Bernburg am 28.2. 1941. Alfred Mühlhausen verbrachte ununterbrochen 26 Jahre in Pflege- und Siechenanstalten. Hier wurde er verwahrt, eine therapeutische, heilende Behandlung fand nicht statt.

Aus geschwärztem Silber ist der große Ring gefertigt. In das Blech habe ich Buchstaben ohne Ordnung gepunzt. Diese wirbeln durcheinander und wölben die Wandung nach außen. Sie symbolisieren die Verstummung dieses Mannes, seine Unfähigkeit das Erlebte in Worte zu fassen, das Gefangen sein in sich selbst.
Um gleichzeitig ein Behältnis für den Kalksteinstaub zu schaffen, ist ein Schmuck mit Hohlraum entstanden – ein Mantelring. Verschlossen mit einem Deckel ist so das Stück Heimat von Alfred sicher aufbewahrt.

work in progress: Entwurf, Punzierung, in Form schmieden Fotos: Mareen A.D.


Unsagbar ängstliche, traurige Augen! (Mareen Alburg Duncker/Gedenkstätte Bernburg)

Zwei intensive Arbeitszyklen zum Gedenkschmuck sind beendet und ein dritter hat begonnen. Dazu gehört für mich als erstes das Lesen und Verstehen der 27seitigen Krankenakte von Alfred Mühlhausen. Seit einigen Wochen setze ich mich mit dem Leben dieses Menschen auseinander. Die Akte ist aus der Sütterlinschrift übersetzt und so sind die Daten auch mir zugänglich. Einige widersprüchliche Aussagen zu Vater und Mutter sind mir aufgefallen, die ich mit der Gedenkstätte abklären muss.

Kopie aus dem Bundesarchiv: Alfred Mühlhausen, aufgenommen am 22.05.1916

Alfred Mühlhausen wird am 28. Februar 1941 im Kellergeschoss der „Euthanasie“-Anstalt in Bernburg vergast. Erst 2017 erfahren die Nachfahren seiner Geschwister von dessen Schicksal.
Als zweites von sieben Kindern einer in Armut lebenden Bernburger Familie arbeitete er seit seinem 14. Lebensjahr im Kalkbruch nördlich von Bernburg. Er sorgte somit für die Familie. Sein Leben veränderte sich schlagartig im 1. Weltkrieg mit dem Einzug an die Front – nach Russland. An Gefechten hat er laut Unterlagen nicht teilgenommen. Was er dort gesehen und erlebt hat bleibt offen: der bis dahin gesunde, kräftige Mann verstummt im Alter von 28 Jahren. Schwer traumatisiert und depressiv beginnt für ihn ein Leben „da drinnen“ mit der Diagnose Katatonie. Insgesamt verbringt Alfred Mühlhausen 24 Jahre in Anstalten ohne therapeutische Gespräche oder medikamentöse Behandlung. Er bleibt apathisch, stumm und in sich gekehrt.
Das Foto ist am Tag seiner Verlegung in die Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg aufgenommen.



Mit ersten Überlegungen und Entwürfen für meine praktische Arbeit zu Alfred Mühlhausen habe ich nun begonnen. Der Gedenkschmuck wird innen hohl gearbeitet sein und somit ein Behältnis für den Kalkstein, den Alfred 14 Jahre lang abgebaut hat, darstellen. Eine Behausung für dieses kleine Stück Heimat wird entstehen.
Die Verstummung, die vermutlich durch ein traumatisierendes Erlebnis auf dem Weg an die Front in Russland ausgelöst wurde, möchte ich ebenfalls umsetzen. Buchstaben, die die Wand wölben, durchbrechen wollen, werden ins Material punziert. Sie scheinen im Inneren gefangen zu sein, können nicht mehr nach außen dringen. Symbolisch möchte ich damit den Gemütszustand des jungen Mannes darstellen.

ein Eimer voll Staub
Foto: Mareen Alburg Duncker

Gestern war ich im Norden von Bernburg bei einer der vielen Firmen im Kalksteinbruch. Seit 130 Jahren werden hier Kalkstein und andere Mineralien abgebaut. Auch Alfred hat hier gearbeitet. Telefonisch konnte ich hier niemanden erreichen und so bin ich einem Radlader entgegen gefahren. Der Fahrer fand mein Anliegen sehr interessant und schickte mich die Halde runter. Hier gab es den feinen Kalkstein, den ich suchte. Der Werksleiter war ebenfalls wohlwollend und füllte mir mein Eimerchen. Das Material hatte ich mir viel heller vorgestellt, aber mir wurde versichert, daß es Kalkstein ist.
Vollgestaubt und glücklich bin ich gefahren und habe meinen Schatz ins Atelier gebracht.

Kalksteinbruch im Norden von Bernburg Foto: Mareen Alburg Duncker

Schaufensterpräsentation in Zeitz (Julia Schleicher)

Seit letzter Woche kann man in der Zeitzer Einkaufspassage einen Querschnitt meiner bisher entstandenen Arbeiten zum Thema „Fatschenkind“ begutachten. Eine bedauerliche Besonderheit kennzeichnet die Zeitzer Innenstadt, eine große Zahl an leer stehenden Ladengeschäften. Man wird ein wenig traurig, wenn man erzählt bekommt, was an dieser oder jener Stelle einmal für ein Geschäft gewesen ist. Aber die Zeitzer machen etwas draus. Die Ladenbesitzer stellen die Räume kostenlos zur Verfügung und die Schaufenster werden saisonal dekoriert oder einem Verein zur Präsentation zur Verfügung gestellt. Diese Möglichkeit nutze ich zur Präsentation meiner Arbeit. In der ehemaligen Buchhandlung schauen nun kleine Fatschenkinder aus dem Fenster.

ein Armschmuck für Susette (Mareen Alburg Duncker, Gedenkstätte Bernburg)

Meine Arbeit an dem Gedenkschmuck für Susette Freund ist nun beendet.
Durch das Einbeziehen der vielen persönlichen Informationen, die ich von der Familie und der Gedenkstätte erhalten habe, in meine künstlerische Gestaltung ist dieser individuelle Schmuck für Susette Freund entstanden. Sie wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1942 in der Tötungsanstalt in Bernburg ermordet wurde.

Susette Freund auf ihrem Balkon in der Aschaffenburger Straße in Berlin, aufgenommen im Juli 1940, Privatbesitz: Rodney S. Martel

Der Armschmuck ist aus dem Stamm eines Kirschbaumes gearbeitet, welcher im Garten meiner Schwester wuchs – in Berlin. Hier lebte Susette Freund von ihrer Geburt bis zur Deportation. Es war ihre Heimatstadt, und auch mir ist Berlin ein Stück Heimat. Die doppelte Bedeutung des Heimatgedanken war mir hier sehr wichtig.
Über einen Zeitraum von drei Monaten habe ich das Holz bearbeitet, die Hohlkehlenform für den Armschmuck gefeilt und geschliffen, die dünnwandigen Segmente gebogen und zum Schluß gewachst. Vorhandene Risse sind im Material sichtbar, aber versiegelt. Kontrastreich zur warmen Farbe das Kirschholzes wirkt das geschwärzte Silber des Scharnierverschlusses und der Fassungen. So werden die fünf eingesetzten Citrine mit einer dunklen Linie umrahmt. Die facettierten Steine verwendete ich in Anlehnung an den letzten Schmuck, der von Susette Freund erhalten ist: ein goldener Ring mit gelbem Stein, vermutlich Citrin oder Topas. Rodney Martel hatte ihn im Dezember 2020 seiner Tochter geschenkt.
Als Erinnerungsschmuck für ihn ist eine kleine Brosche entstanden. Sie ist aus dem ausgesägten Innenteil des Armschmuckes angefertigt und ebenfalls mit einem Citrin ergänzt.

Foto: Mareen Alburg Duncker

Karin und Carsten (von Thomas Jeschner)

Eigentlich sollte kein Text, kein Gedanke, keine Arbeit mit dem Wort „eigentlich” beginnen. Eigentlich …

Eigentlich wollte ich vermeiden, dass Menschen, die eh schon ausreichend oder genügend in der Öffentlichkeit stehen, Teil meiner Arbeit werden. Nun ist es anders gekommen. Nach vielen Gesprächen mit Menschen in Eisleben, vielen Besuchen, unzähligen Recherchen, spannenden Begegnungen habe ich am Mittwoch dieser Woche das erste Objekt aus den Regionalgeschichtlichen Sammlungen mit einem Menschen aus Eisleben zusammen gebracht.

Karin Pipenburg, Selbstporträt 1912, Regionalgeschichtliche Sammlungen Eisleben V K² 8372, Foto: Thomas Jeschner

V K² 8372 und der Bürgermeister. Ein Selbstbildnis von Karin Pipenburg aus dem Jahr 1912 und Carsten Staub, Chef der Stadtverwaltung von Eisleben seit April 2020.

Das Bild, das laut Widmung einst eine freundliche Erinnerung der Künstlerin an einen Bürgermeister war, hängt seit Mittwoch für einige Wochen im Büro von Carsten Staub und wird hoffentlich zu Gesprächen und Gedanken über die Regionalgeschichtlichen Sammlungen führen.

Die Übergabe erfolgte in einem schmalen Zeitfenster von einer Stunde. Mit dabei war ein Kamerateam des MDR. Sie fanden diesen Vorgang spannend genug für einen kleinen Magazinbeitrag zur TV-Sendung „Sachsen-Anhalt heute”. Wir trafen uns am Morgen noch vor dem Termin, schauten in ein Archivlager. Sprachen miteinander und zogen mit vollem Technikbesteck pünktlich ins Rathaus ein. Der MDR und ich.

Im „Herdlager” in Eisleben, Foto: Ines Godazgar

So standen dann zwei Kameras im Büro des Bürgermeisters. Ich hatte mich für meine Arbeit extra für eine kleine Bridge-Kamera entschieden, eine Lumix DMC FZ-1000. Praktikabel, lichtstark, grandioses Zoom. Technik, die Vertrauen schafft. Kein großes Set, das einschüchtert.

Und dann steht auf einmal der MDR mit einer Panasonic High-End-Broadcast Kamera hinter mir und filmt mich, wie ich meine kleine Kamera für das Interview einrichte.

Die nächsten Interviews sind in Planung. Mehr Zeit, mehr Ruhe, weniger Magazin.

Der Beitrag des MDR lief dann noch am selben Abend kurz vor halb acht Uhr. Ich füge noch die drei einzelnen Bildausschnitte für das Video-Triptychon zu Karin Pipenburgs Bild zusammen und hoffe auf eine schöne Präsentation mit all den anderen Interviewfilmen in Eisleben.

Bürgermeister Carsten Staub unter Beobachtung des Bildnisses der Karin Pipenburg

 

Die beste Zeit für Recherchearbeit (Petra Reichenbach)

Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wurde dieses Jahr pandemiebedingt eine digitale Lichterkette unter den teilnehmenden Gedenkstätten geschaffen.

Collage der Gedenkstätte Lichtenburg aus den vielen Posts zum Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors

Eine 12. Klasse des Jessener Gymnasiums hat anlässlich des Gedenktages einen eindrucksvollen Film zum Thema „Starke Frauen im KZ Lichtenburg“ erarbeitet. 

STARKE FRAUEN im kz lichtenburg – ein Projekt des Gymnasiums Jessen

Zwei Protagonistinnen des Films spielen auch in meinem Projekt eine Rolle: Die Zeugin Jehovas Amalie Pellin und die Kommunistin Olga Benario.

Die Recherche zu den insgesamt zehn Frauen, denen ich in meinem Projekt eine Stimme geben möchte,  hat mir unterschiedlich viel Material beschert:

Zu zwei der fünf Frauen aus der Renaissancezeit des Schlosses, Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg und Kurfürstin Hedwig von Sachsen, habe ich im Stadtarchiv von Prettin viel Material erhalten, zu Kurfürstin Anna von Sachsen hat mir die Historikerin Anna Bartkowski ihr tolles Buch geschickt. Zur Zeit lese ich eine sehr anschauliuche Biografie über Anna von Sachsen von Katrin Keller.

Nur zu den beiden Schwestern Anna Sophie, Kurfürstin von Sachsen, und Wilhelmine Ernestine, Kurfürstin von der Pfalz, bin ich noch auf der Suche nach weiterem biografischen Material.

Ähnlich sieht es bei den fünf Frauen aus der Nazi-Zeit aus. Mein Ziel ist es, alle zehn Biografien zu kurzen Ich-Erzählungen zu verdichten. Gemeinsam mit Jessener Schüler*innen der 9. Klassen sollen daraus zweiminütige Aufnahmen für eine Art Audioguide entstehen. 

In den nächsten beiden Wochen werden sie klassenweise in das Thema eingeführt. Ich bin so gespannt, wie motiviert sie sein werden!