Lichtenburg – Schloss und KZ Gedenkstätte Prettin (Petra Reichenbach)

Die telefonische Zusage kam als Anruf von Dr. Ines-Janet Engelmann am 16. April.

Gerade hatte ich noch überlegt, dass ich das Buch „Eine Handvoll Staub“, das ich im Januar aus der Bibliothek der Gedenkstätte KZ Lichtenburg Prettin entliehen hatte, zurückschicken muss, da klingelt das Telefon: Mein Konzept „Ein Frauenort: starke Frauen in den Frauengemächern“ ist ausgewählt worden für das Heimatstipendium#2!

Das Buch schreibt sich Lina Haag, eine Insassin des KZ Lichtenburg, im Mai 1944 in ein paar Nächten von der Seele, „als es endlich soweit war, daß man das Ende des furchtbaren Nazimordens und ihres angezettelten Krieges mit Gewissheit voraussagen konnte“, so Lina Haag im Vorwort. Sie übergab ihre Aufzeichnungen zwei Tage nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen einem US-Offizier. Anfang 1947 wurde es als eines der ersten Widerstandsdokumente der Zeit herausgegeben und war sofort vergriffen.

Mich hat beeindruckt, wie genau Lina Haag aus der Erinnerung schreibt, meist als Brief an ihren Mann gerichtet. Lina Haag über ihr Vorgehen: „Das Manuskript ist in der Illegalität geschrieben worden. Es ist ein Unterschied, ob man in einem sicheren Zimmer arbeiten kann, ob man eine Schreibmaschine hat oder nicht, ja auch, ob man Aufzeichnungen verwenden kann oder alles aus der Erinnerung herholen muß. Tagebuchaufzeichnungen aus Gestapogefängnissen gibt es nicht, weil es weder Bleistift noch Papier dafür gab. Jeder, der dort war, weiß dies. Wenn der ein oder andere durch besondere Umstände etwas herausschmuggeln konnte, sind dies Ausnahmen.“

Victor & Clara & Du

Mit einem Fest haben sich am Samstag, 5. September 2020, die Museumsmitarbeiter des Schlosses Zörbig von ihren Gästen verabschiedet. Zumindest vorübergehend. Denn die Räume werden in den kommenden Monaten umfassend saniert und sind deshalb nicht für Besucher geöffnet.

Mittendrin im Festgetümmel war auch Heimatstipendiatin Lucie Göpfert, die den Gästen einen Einblick in ihr Projekt rund um den Zörbiger Ehrenbürger Victor Blüthgen gewährte. Zahlreiche Besucher nutzten Lucies Angebot und ließen sich gemeinsam mit Victor und Clara Blüthgen auf ein Stück Papier bannen.

Auf vorher eigens für die Aktion vorbereiteten handgezeichneten, an ein Polaroid erinnernden Vorlagen, zauberte Lucie Göpfert mit ihrem schwarzen Fineliner nicht nur Museumsleiter Stefan Auert-Watzik sowie Stiftungsdirektorin Manon Bursian, sondern auch diverse Geschwisterpaare, Einzelpersonen und sogar ein Hund zwischen das Ehepaar Blüthgen. – Eine gelungene Aktion, die bei den mehr als 500 erschienenen Zörbigern hervorragend ankam!

Fotos: Ines Godazgar

Ein erstes Treffen in der Gedenkstätte für Opfer der NS-„Euthanasie“ in Bernburg (Mareen Alburg Duncker)

Nach einer spannenden Telefonkonferenz im Mai und vor einer kurzen Sommerpause im August stand der Termin für eine Fahrt in die Gedenkstätte fest. Gemeinsam mit der Kuratorin Ines Engelmann und der Redakteurin Ines Godazgar fuhr ich als Heimatstipendiatin am 14.7.20 nach Bernburg, um dort die Leiterin der Gedenkstätte Frau Dr. Hoffmann und ihre Stellvertreterin Frau Gebauer persönlich kennenzulernen.
Meine Neugierde paarte sich mit Aufregung an diesem heißen Tag. Wir wurden sehr herzlich empfangen und besprachen im neutralen Konferenzraum die Vorstellungen unserer Zusammenarbeit. Ich erläuterte mein Vorhaben, für einige der hier ermordeten Opfer einen Gedenkschmuck anzufertigen, und stieß auf große Zustimmung.

Foto: Ines Godazgar

Ich war und bin begeistert über die unkomplizierte und so offene Zusammenarbeit mit ganz konkreten Ideen. Ich erhielt schon jetzt die Zusicherung, daß die entstehenden Stücke in das Ausstellungskonzept eingebunden werden sollen. Und auch den Vorschlag von Frau Dr. Hoffmann, daß sie mir eine Vorauswahl an Lebensläufen mit Bildmaterial von Opfern als pdf-Dokumente zusendet, nahm ich gerne an. Nachdem ich mich intensiv mit dem vorliegenden Material beschäftigt habe, werde ich für einige der hier ermordeten Menschen einen persönlichen Gedenkschmuck anfertigen.
Nach unserem Gespräch suchte ich das Kellergeschoß mit Gaskammer, Sektionsraum und Krematorium der Gedenkstätte auf. Ich wollte die Atmosphäre in Ruhe auf mich wirken lassen und auch die vielen Informationen der Dauerausstellung  Die Vernichtung der „Unbrauchbaren“ lesen. Besonders bewegend war für mich, wie schon beim ersten Besuch der Gedenkstätte, die Betrachtung der Fotowand mit Bildern der Opfer. Die Wirkung ist stark, der Blick in die Gesichter schafft Nähe und Sprachlosigkeit zugleich. Sie werden wichtige Inspirationsquellen für meine Arbeit sein.

Foto: Ines Godazgar

Victor Blüthgen im Spiegel der Medien

Große Resonanz: Anlässlich der Sichtung des Nachlasses von Victor Blüthgen waren auch zahlreiche Medienvertreter ins Schloss Zörbig gekommen. Auf Einladung von Museumsdirektor Stefan Auert-Watzik berichtete Stipendiatin Lucie Göpfert über ihr Projekt, das sie im Rahmen des HEIMATSTIPENDIUMS#2 umsetzen wird. Die Direktorin der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt, Manon Bursian, und die SPD-Landtagsabgeordnete Angela Kolb-Janssen als Mitglied des Stiftungsrats waren ebenso unter den Gästen wie Zörbigs Bürgermeister Matthias Egert. Vielen Dank für die schönen Beiträge, liebe Andrea Dittmar von der MZ-Lokalredaktion Bitterfeld, liebe Susanne Reh vom MDR-Hörfunk und liebe Pauline Vestring vom MDR-Fernsehen.

MZ vom 28. Juli 2020
MZ vom 28. Juli 2020

Ein Schatz wird gehoben (Lucie Göpfert, Heimatstipendiatin für das KULTURQUADRAT Schloss Zörbig)

Foto: Matthias Ritzmann © Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Jippie!!! Endlich ist es soweit: Mein Heimatstipendium geht los.
Am Donnerstag, den 23.07.2020 gab es den ersten Termin im KULTURQUADRAT Schloss Zörbig, meinem Stipendiumsort. Das war ein ganz besonderer Termin, einer mit lautem Trommelwirbel und mit einem Schatz, verpackt in GURKENKISTEN.

Mitarbeiterinnen der Kunststiftung und des Museums, Medienvertreter, Personen aus der Politik, der Zörbiger Bürgermeister und ich durften dabei sein, als der Nachlass von Victor und Clara Blüthgen zum ersten Mal seit langer Zeit öffentlich präsentiert wurde. Er schlummerte in Gurkenkisten, verstaubt und beinahe vergessen, auf dem Dachboden des Schlosses Zörbig.
Der Museumsleiter Stefan Auert-Watzik hatte kurz zuvor die Gurkenkisten geöffnet und deren Inhalt zum ersten Bestaunen aufgebaut: Dinge aus dem Leben des Ehepaars Blüthgen wie Gedichte, die teilweise noch nie veröffentlicht wurden,, Tagebücher, gesammelte Presseartikel über Victor Blüthgen aus seiner Zeit, Briefe, Fotoalben, Geburtstagstelegramme uvm.
 Was für ein Moment!!! Ich freute mich wahnsinnig.

Foto: Matthias Ritzmann © Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Doch zum Anfang des Tages: Noch weit vor dem offiziellen Termin traf ich in Zörbig ein. Mit dem Museumsleiter, Herrn Auert-Watzik, und dem Bürgermeister von Zörbig, Herrn Egert, war ich in der Stadt verabredet. Am Fröbelkindergarten „Rotkäppchen“ soll die Feuerschutztreppe gestaltet werden und ich wurde eingeladen, dies zu übernehmen. Der Kindergarten ist etwas ganz besonderes, nämlich der älteste durchgängig betriebene Kindergarten Deutschlands. Er ist außerdem einer der „FrauenOrte“ in Sachsen-Anhalt, der in engem Kontakt zum KULTURQUADRAT steht.

Nach einer ersten Besichtigung dieses Nebenschauplatzes meines Stipendiums staksten Stefan Auert-Watzik und ich über das Zörbiger Kopfsteinpflaster zum Schloss. „Ist ja wie in Halle“, dachte ich.
 Im Museum bekam ich eine kleine Führung durch die Räume im Haus inklusive Dachboden. Hier lagern viele Schätze (Sammeltassen, Kerzenständer, ein Anzug von Victor Blüthgen, Hauben, Kleider …). Es ist so spannend. Bald darf ich offiziell in jede Schublade des Archivs schauen und alle Schätze des Museums entdecken!!! Juchuuuu!

Nun machten wir uns bereit für den Medientrubel. Noch ganz in Ruhe konnte ich den schön drapierten Schatz einen kurzen Moment beschauen. Ich bin verliebt in die Fotos (besonders in ein Bild von Clara mit einem riesengroßen, weißen Hund), in gebunden Bücher und Büchlein mit Originalhandschriften. Auch Claras Zeichnungen sind toll. Aber Mist, ich kann leider Blüthgens Handschrift nicht lesen. Noch nicht?
Das Öffnen der Gurkenkisten wurde zu einem Medienereignis.
 Es kündigten sich Rundfunk und Regionalfernsehen an und es wollten Reporter diverser Zeitungen kommen. Wie toll, dass so ein reges Interesse am HEIMATSTIPENDIUM und an Victor Blüthgen besteht!
Es ging los, der mdr rollte ein. Das Gewusel begann: eine Kamera wurde aufgebaut, die ersten Corona-Ellenbogen-Grüße getauscht, ich gab das erste Interview. Mir wurden nacheinander immer wieder Personen vorgestellt, weitere Interviewfragen gestellt, zwischendurch kurz eine Kameraaufnahme gemacht. Bitte noch ein Foto mit dem Bürgermeister, bitte eines mit der Politikerin. Mein Kopf rauchte.
Dann endlich war er da, der Moment, in dem der Schatz feierlich präsentiert wurde.
 Leider wurden keine Kisten entpackt, dafür war gar keine Zeit. Stefan Auert-Watzik erzählte unterhaltsam und lebendig die Geschichte der Blüthgens, des Schatzes, des Museums, und des HEIMATSTIPENDIUMS. Ich wurde herzlich mit einem Blumenstrauß begrüßt und war und bin immer noch total gerührt über diesen warmen Empfang.
Im Anschluss ging das Gefilmt- und Fotografiertwerden weiter.

Foto: Matthias Ritzmann © Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Kurz darauf war ich schon wieder zu Hause in meinem Atelier. Das mdr-Team wollte noch Aufnahmen in meiner Arbeitsatmosphäre machen. Ich zeichnete eine Schnecke und redete über das Illustrieren (glaube ich, ich habe fast alles vergessen, es war so viel los) und wurde dabei von allen Seiten gefilmt. Und dann waren Kamera und Team plötzlich weg.
Und es wurde still.
Und ich konnte durchatmen.
Und ich musste mich setzen.
Jetzt geht es los, mein HEIMATSTIPENDIUM. Ich freue mich auf alles, was kommen wird! Das wird ein irres Jahr!
Danke Kunststiftung, dass ich Teil des Ganzen sein darf und dass ich die Chance hatte, bei diesem einzigartigen Moment dabei zu sein.

* Heimatdiary von Lucie Göpfert

Gedenkschmuck in Bernburg

… in der Regionalausgabe der Mitteldeutschen Zeitung in Bernburg wird über HEIMAT-Stipendiatin Mareen Alburg Duncker und ihr geplantes Projekt an der Gedenkstätte für Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg berichtet – weitere Informationen gibt es HIER

„Fatschenkinder“ für Zeitz

… herzlichen Dank an Torsten Gerbank für den schönen Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung vom 29. April 2020. Er besuchte HEIMAT-Stipendiatin Julia Schleicher in ihrem Atelier und sprach mit ihr über ihren Werdegang und ihr geplantes Projekt im Museum Schloss Moritzburg Zeitz.

Hier den Artikel online lesen: Fatschenkinder für Zeitz“

Weiterführende Infos zu ihrem Vorhaben gibt es auch *HIER*

„Erratischer Block“ – Etienne Dietzel in der Altmark

Einer der ausgewählten Stipendiaten für das HEIMATSTIPENDIUM#2 ist der in Halle lebende, freie Künstler Etienne Dietzel, der im Johann-Friedrich-Danneil-Museum Salzwedel zu Gast sein wird. Etienne Dietzel möchte sich als gelernter Steinbildhauer mit Steinen beschäftigen, die nicht in das geologische Bild der Region passen … weiterlesen (Pressemitteilung des Altmarkkreis Salzwedel )

Glückwunsch und Willkommen!

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunststiftung,

Geduld ist das Wort dieser Tage. Voller Sehnsucht erwarten wir die Lockerung der durch das Corona-Virus verursachten Einschränkungen. Umso schöner, dass wir Ihnen mit einem Newsletter schon mal einen positiven Ausblick liefern können: Die Stipendiatinnen und Stipendiaten für das HEIMATSTIPENDIUM#2 stehen fest. Damit kann unsere beliebte Heimatreise bald wieder beginnen!

Vorab möchten wir Ihnen in diesem Newsletter (*klick*) unsere zehn neuen Stipendiaten vorstellen. Sobald das tägliche Leben wieder normal läuft, werden sie ihre Projekte in verschiedenen Museen beziehungsweise Gedenkstätten Sachsen-Anhalts umsetzen. Die Künstler Mareen Alburg Duncker, Julia Rückert, Thomas Jeschner, Petra Reichenbach, Etienne Dietzel, Annette Funke, Julia Himmelmann, Nora Mona Bach, Julia Schleicher und Lucie Göpfert sind aus einer Fülle von Bewerbern ausgewählt worden. Insgesamt lagen 88 Projektskizzen vor, die von 66 Künstlern eingereicht worden waren. Keine leichte Aufgabe, die richtige Wahl zu treffen. Denn, auch das sollte nicht unerwähnt bleiben, wir waren und sind gleichermaßen erfreut und erstaunt über die Vielfalt, künstlerische Qualität und Kreativität der eingereichten Ideen.

Die Orte, an denen die Künstler ihre Projekte umsetzen werden, haben sie im Vorfeld bereits näher unter die Lupe genommen: Im Dezember und Januar hatte die Kunststiftung vier Bustouren zu den Museumsstandorten organisiert. Vor Ort gab es Führungen und viele Einblicke in den Fundus der jeweiligen Häuser; oft entstanden dabei schon erste Ideen.

Der genaue Termin für den Start ist zwar noch offen; er hängt letztlich von der weiteren Entwicklung der Corona-Lage ab. Geplant ist, dass er mit dem Zeitpunkt der Wiedereröffnung der Museen zusammenfällt. Jeder kann etwas dazu beitragen, dass dieser Termin möglichst schnell näher rückt. Mit der eingangs erwähnten Geduld, aber auch durch das Einhalten der so wichtigen Abstandsregeln. In diesem Sinne: Halten Sie durch! Es gibt Licht am Ende des Tunnels.

Abschließend gilt mein Glückwunsch und ein herzliches Willkommen allen Stipendiatinnen und Stipendiaten.

Ihre Manon Bursian
Direktorin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt

Fahrt übers Land. Foto: Matthias Ritzmann

 

Hier gehts zum Newsletter zu den ausgewählten Künstlern und ihren Vorhaben an den Museen und Gedenkstätten.