Be-Tracht-ungen, die Vierte Salzlandmuseum Schönebeck Annette Funke

Die Redewendung „jemanden unter die Haube bringen“, entspringt der schon bei den Römern und Germanen, später auch im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit üblichen Tradition, dass Frauen nach der Heirat ihr Haar bedecken mussten. Offen getragenes Haar galt als aufreizend. Die Haube als fester Bestandteil der Frauengarderobe stand für geordnete Zustände, Anständigkeit und Würde.

Zugespitzt formuliert, wechselte eine Frau, dem Willen der Familie gehorchend, mit der Heirat ihren Besitzer. Steht die Haube deshalb sinnbildlich für die Unterdrückung der Frau? Mit dem Aufsetzen einer Kopfbedeckung verändert sich die Haltung zum Selbst ebenso wie der Blick der Anderen. Man wird zur Person, die eine Rolle hat. Diese kann formen und schützen, aber auch beschneiden oder einengen.

Mich an den Begriffen Identität, Macht und Unterwerfung entlang hangelnd, bebildere ich meine Gedanken. Miriam und Wanda spielen mit und Matthias Demel fotografiert.

 

Be-Tracht-ungen, die Zweite Salzlandmuseum Schönebeck (Annette Funke)

In meinem Atelier trage ich alles zusammen, was ich zur Bördetracht finde, Ausdrucke von abfotografierten Stoffmustern, Fotos, inspirierende Gegenstände und Ideen, die ich auf kleinen Zetteln notiere. Kann sich eine Idee über längere Zeit in meinem Kopf durchsetzen, tippe ich sie in meinen Rechner. Arbeitstitel wie „ Krönung“, „Selbstbildnis“, „Haltung“ oder „Umarmung“ entstehen und bilden den Ausgangspunkt für erste Kompositionsversuche. Dazu ordne ich Bilder der ersten Fotosession in die Kategorien Wettkampf und Spiel, Speise und Lust, Rolle und Habitus ein.

Der erste Papierschnitt mit dem Arbeitstitel „Selbstbildnis“ nimmt Formen an. Darauf sind zwei einander zugewandte Figuren zu erahnen, die im Entwurf beide in ein Smartphone blicken, das eine der beiden hält. Schnitt für Schnitt wächst das Bild sehr konzentriert, sehr langsam. Das gibt meinen Gedanken Zeit zu springen, die ab und zu an Begriffen wie Heimat, Kultur, Erinnerung oder Identität hängenbleiben. Diese Begriffe sind wie die Konstruktion eines Dach-Gebälkes über einem Denk-Raum, der selbst diffus bleibt, weil er im eigentlichen Sinne nicht ist.

Auf Youtube lausche ich neben dem Schneiden einem Interview, in dem Ernst Bloch aus „Prinzip Hoffnung“ zitiert wird: Heimat ist „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“, und muss lächeln.

 

Be-Tracht-ungen, die Erste Salzlandmuseum Schönebeck (Annette Funke)

Für meinen zweiten Besuch im Salzlandmuseum Schönebeck hat die Museumsleiterin Petra Koch mit ihren Kolleginnen bereits dafür gesorgt, dass die Bördetrachten aus dem Fundus in der geräumigen Arbeitsbibliothek hängen. An einer fahrbaren Garderobe sind Trachtenteile aufgereiht: Tausendfaltenröcke aus Seidenstoffen, eine Kniebundhose und Mieder mit gechintzten Schößchen – ihr Material, bunt bedruckten Baumwollgewebe – ist mit einer glänzenden Oberfläche versehen. Links daneben liegen mehrere ausgepolsterte Schnabelhauben mit langen Bändern auf dem Tisch.

Das ist sie also, meine Inspirationsquelle aus dem 19. Jahrhundert. Mein Vorhaben: Traditionelles und Modernes im Wechselspiel zu zeigen und zeitlose Gesten kulturellen Lebens zu spiegeln. Die Suche nach Ideen für mehrere großformatige Papierschnitte kann beginnen.

Mein Fotograf Matthias Demel sorgt für die richtigen Lichtverhältnisse, und meine Models Lea und Lal probieren Sachen an. Mir kommt es auf die richtige Mischung zwischen Tracht und modischen Accessoires bei den beiden an. Es dauert fast zwei Stunden, bevor das erste Foto im Kasten ist. „Bewegt euch zueinander, kommuniziert mit eurem Körper, bezieht die Hände ein“, animiere ich. Am Ende sind es über fünfhundert Bilder, die ich sichte.

 

 

 

 

 

Das ist nicht der letzte Fototermin gewesen. Das Auffinden von Bildern, welche die Essenz zwischenmenschlicher Kommunikation einfangen, ist nicht leicht, aber sehr anregend. Ich bin sehr dankbar für die schöne Zeit und freue mich auf ein baldiges Wiedersehen.