Halbzeit Heimat I Christine Bergmann

Blogschreiben hat einen gewissen Nachteil. Es eignet sich im Prinzip nur für den kurzen, dokumentarischen Tagebuchstil.

Über meine 10tägige Harzreise im April und diverse andere Besuche seit Januar habe ich noch kein Wort verloren, zum Teil komplizierte Foto- und Urheberrechte, die klickklack&share-Routine des Smartphoneusers ist mir auch nicht zu eigen. Am Anfang ist es immer recht unspektakulär. Überall Versatzstücke ohne inneren Zusammenhang. Was soll man groß berichten?

Von links nach rechts: Katrin König, Stipendiatin im Röderhof, Ilka Leukefeld, Arbeitststipendium der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Christine Bergmann, Heimatstipendiatin, treffen sich zufällig im Gleimhaus Halberstadt Anfang April…

Aus jedem Versatzstück entstehen Fragen, die Vertiefung und Nachdenken verlangen. Ich lese diverse Dinge nach, die ich als gesichertes Wissen glaubte – hatte man doch alles in der Schule oder im Studium irgendwo… Kein Thema wird dabei klarer, es häufen sich die Widersprüche. Theoretisch altbekannte Fakten fallen auf einen neuen Boden an Lebenserfahrung.

Kurzes Beispiel: Harry (Heinrich) Heine, brillanter Satiriker, den ich immer schätzte. Amüsiere mich prächtig mit seiner Harzreise und leide beim Lesen unter wohlwissend unpräzisen Dejavus, dass Heine gerade für seine besten Schriften ins Exil musste. Wie immer beginnt es harmlos: Wie war das nochmal genau mit dem Vormärz? Lese mich tief in die deutsche Geschichte ein: Napoleonische Kriege, deutsche Kleinstaaterei, Deutscher Bund, Burschenschaften, 1. und 2. Industrialisierungswelle, die Verfechter der Nationalstaatsgründung sind die Progressiven, diverse Literaten werden verboten und gehen ins Exil u.a. Karlsbader Beschlüsse, 1848 die „bürgerliche Revolution“ scheitert, das „kommunistische Manifest“ erscheint, menschlicher Urgrund, vergleichbare Ansinnen…

Lese mich also gleichwärts vor und zurück in der Geschichte: Code Civil, Zünfte, Gilden, Ständewirtsschaft, Leibeigenschaft und die Widersprüche bei der Abschaffung der Leibeigenschaft, bis ich das Rückwärtslesen vorerst unterbreche, als ich bei einem der anfänglich zusammenhanglosen „Bruchstücke“ ankomme:

Bei meinem 1. Besuch im Stadtarchiv Wernigerode hatte mir der Archivleiter, Herr Mahrenholz, einige Bürgerbriefe vorgelegt, deren Sinn ich für mein Vorhaben nicht erkennen konnte. „Bürgerbriefe“ regelten, wie ein Nicht-Städter sich das Stadtbürgerrecht gegen Zahlung einer immensen Summe Geldes erwerben konnte und damit auch besondere Schutzrechte erhielt. Etwas vereinfacht gesprochen: Ein Teil dieses Schutzversprechens gehört heute zum Aufgabenbereich des Nationalstaates. Andere Schutzversprechen haben sich erhalten in den Kammerzugehörigkeiten und Ausbildungsmodalitäten im deutschen Handwerkssystem etc.

Über das komplizierte Verhältnis der Künstler zu Schutz und Entlassung aus dem Kammersystem möchte ich erst gar nicht reden. By the way eröffnet sich ein historisch vergleichender Blick auf aktuelle Fragen der Zuwanderung (Ähnlichkeiten, Fortschritte, unbewältigte und simplifizierte Fragen etc.).

Katrin König begleitet mich aus Neugier beim Stöbern im Nachlass Otto Illies. Mitte: Herr Lacher, Gleimhaus, Rechts: Herr Ahrens, Harzmuseum.

Gleichzeitig „schaue“ ich mich voran vom Vormärz in die neuere Gegenwart und widme mich Kunstrichtungen, die mich schon seit Jahren nicht mehr interessiert haben, vor allem das ganze pathetisch/theatralische  Zeugs aus Historismus, Symbolismus bis ins Artdeko. Da ich mich als Judendliche für bestimmte Bilder und künstlerische Erscheinungen begeistern konnte, habe ich ein gewisses Verständnis, dass diese bis heute (leider) der letzte echte Ankerpunkt in der Kunst für viele Menschen zu sein scheint.

Nicht zuletzt über die Ausbildungswege einiger, im Harzmuseum vertretener Künstler, lande ich beim „deutschen Impressionismus“, im Weimar der Umbruchszeiten kurz vor und nach der Bauhausgründung (ein Thema was mich mehr interessiert). Damit komme ich zwangsläufig zu den Parallelerscheinungen aus „Vormoderne“ und „klassischer Moderne“;  ihren diversen, widersprüchlichen Einflüsse auf die „Blut- und Boden“- Ästehtik der Nazi-Zeit, welche das Thema „Heimatkunst“ gänzlich ideologisch ruiniert hat. Am Ende führt kein Weg vorbei an der (tatsächlichen) Dialektik des sogenannten Sozialistischen Realismus und der Formalismusdebatte – beide mit ihren Vorkriegseinflüssen aus allen Herren Ländern. Es folgt die Wende 1989/90 ….

Wenn man sich allein auf die letzten 120 Jahre deutscher politischer Umbrüche beschränkt (je nach zählweise 5 bis 6 Staatsformen), und dem damit verbundenen Bilderstürmertum, hat nahezu jede Künstlergeneration wenigstens einmal im Leben „auf der falschen Seite“ gestanden (je nach System). Mal „hochgejubelt – verboten – vergessen“, oder andersherum „verfemt – dann hochgejubelt – dann unter Ideologieverdacht gefallen“ oder gar „Unpolitisch – Dürfen die das?- Völlig belanglose Kunst!“. Eine irre Gemängelage aus mangelnder Bildung, Spießertum, ersthaften Anliegen, Künstlerrivalitäten… Der ganzen Problematik müsste man einen ausführlichen Künstleraufsatz widmen….

Und so in der Art geht es weiter: Folklore, alte Berufe, Sachsen-Anhalt-Tag seit 1992, profane Randnotizen;  wahllosen Bruchstücke, zusammenhanglose Fotokonvolute, Gespräche, Literatur und Lebenserinnerungen, verdichten sich zu Assoziationsketten, werden Einzelthemen; Einzelthemen überlagern sich punktuell, es entstehen innere Bilder. Das Bildsystem ist noch nicht kohärent, aber eine gewisse kritische Masse ist erreicht. Nun kommt die Malerei als prüfende Instanz ins Spiel. Und, wie ich hoffe, auch der ein oder andere Aufsatz.

Künstlerherberge im Röderhof. Nach ungeplant langem Arbeitstag in Halberstadt gewährt mir Katrin König Asyl auf einem Feldbett zwischen ihren Kunstwerken –  irgendwie spitzwegisch….

REISE IN DEN HARZ I CHRISTINE BERGMANN

Sieben Jahre später…

„So glitt der Strom der Rede schnell dahin, während sich der Wagen auf dem sandigen Wege sehr langsam bewegte. Nach und nach traten die Berge aus ihren Nebelgestalten hervor als starke, stolze, mit dunklen Tannenwäldern bewachsene Massen, Kornfelder schlängelten sich malerisch zwischen ihnen durch, und Goslar, die alte kaiserliche Reichsstadt, lag vor uns. Alle Dächer waren mit Schiefer gedeckt, was der Stadt, die eingeschlossen zwischen den Bergen liegt, ein merkwürdig düsteres Aussehen verleiht. Hier war einmal der Sitz der deutschen Könige und Kaiser, hier wurden Reichsversammlungen gehalten und die Schicksale von Reichen und Ländern abgemacht – jetzt, ja jetzt, ist sie bekannt durch ihr Bergwerk und aus Heines „Reisebildern“. Hier spielte der Dichter Blumendieb und Herzensdieb – – eine Geschichte, von der die ehrbaren Bürger von Goslar gar nichts mehr wissen wollen; jedes Mal machten sie ein sehr saures Gesicht, wenn ich den Namen Heine nannte. Ich will deswegen vorsichtiger sein …“

Hans Christian Andersen, 1831, Aus: Die Reise in den Harz

REISEBILDER (TEIL 2) I Christine Bergmann

Die folgende Szene habe sich abgespielt auf der Brockenherberge oder sie wurde dort erfunden u.s.w.

„Ein junger Bursche, der kürzlich zur Purifikation in Berlin gewesen, sprach viel von der Stadt, aber sehr einseitig. Er hatte Wisotzki und das Theater besucht; beide beurteilte er falsch. „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort“ usw. Er sprach von Garderobeaufwand, Schauspieler- und Schauspielerinnenskandal usw. Der junge Mensch wußte nicht, daß, da in Berlin überhaupt der Schein der Dinge am meisten gilt, was schon die allgemeine Redensart „man so duhn“ hinlänglich andeutet, dieses Scheinwesen auf den Brettern erst recht florieren muss und daß daher die Intendanz am meisten zu sorgen hat für die „Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird“, für die Treue der Kostüme, die von beeidigten Historikern vorgezeichnet und von wissenschaftlich gebildeten Schneidern genäht werden. Und das ist notwendig. Denn trüge mal Maria Stuart eine Schürze, die schon zum Zeitalter der Königin Anna gehört, so würde gewiß der Bankier Christian Gumpel sich mit Recht beklagen, daß ihm alle Illusion verlorengehe; und hätte mal Lord Burleigh aus Versehen die Hosen von Heinrich dem IV. angezogen, so würde gewiß die Kriegsrätin von Steinzopf, geborene Lilientau, diesen Anachronismus den ganzen Abend nicht aus den Augen lassen.

Solch täuschende Sorgfalt der Gerneralintendanz erstreckt sich aber nicht nur auf Schürzen und Hosen, sondern auch auf die darin verwickelten Personen. So soll der Othello von einem wirklichen Mohren gespielt werden, den Professor Lichtenstein schon zu diesem Behufe aus Afrika verschrieben hat; in „Menschhaß und Reue“ soll die Eulalia von einem wirklich verlaufenen Weibsbilde, der Peter von einem wirklich dummen Jungen und der Unbekannte von einem wirklich geheimen Hahnenrei gespielt werden, die man alle drei nicht erst aus Afrika verschreiben braucht.“

Aus „Reisebilder, Die Harzreise, 1824, Heinrich Heine (1826), Ausgabe: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1966

Ergänzungen: * „Menschenhaß und Reue“ – rührseeliges Schauspiel von August von Kotzebue (1761-1819), 1819 ermordeter deutscher Dramatiker.

REISEBILDER (TEIL 1 ) I Christine Bergmann

Die folgende Szene habe sich abgespielt auf der Brockenherberge, oder sie wurde dort erfunden, oder sie wurde in Erinnerung an diese erfunden…

„Im großen Zimmer wurde eine Abendmahlzeit gehalten. Ein langer Tisch mit zwei Reihen hungriger Studenten. Im Anfange gewöhnliches Universitätsgespräch: Duelle, Duelle und wieder Duelle. Die Gesellschaft bestand meistens aus Hallensern, und Halle wurde daher Hauptgegenstand der Unterhaltung. Die Fensterscheiben des Hofrats Schütz wurden exegetisch beleuchtet.* Dann erzählte man daß, die letzte Cour bei dem König von Zypern sehr glänzend gewesen sei, daß er einen natürlichen Sohn erwählt, daß er sich eine lichtensteinsche Prinzessin ans linke Bein antrauen lassen, daß er die Staatsmätresse abgedankt und daß das ganze gerührte Ministerium vorschriftsmäßig geweint habe. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, daß sich dieses alles auf hallesche Bierwürdigkeiten bezieht.**“

Aus der Harzreise von Heinrich Heine 1826. Bester Dank an Olaf Ahrens für die erhellende Reiseliteratur….

Ergänzungen:

* Christian Gottfried Schütz (1747-1832), deutscher Philologe. Gemeint sind hier die im studentischen Übermut eingeworfenen Fensterscheiben des Professors.

** „Hallesche Bierwürdigkeiten“ – Die Hallenser Studentenverbindungen hatten in den umliegenden Dörfern sogenannte „Bierstaaten“ gegründet.

EINLADUNG Wernigeröder Museumsfrühling I Christine Bergmann

WAS SIE SCHON IMMER ÜBER MODERNE KUNST WISSEN WOLLTEN –
DIE HEIMATSTIPENDIATIN STELLT SICH VOR.

Im Dialog mit interessierten Gästen stelle ich mich  im Rahmen des Wernigeröder Museumsfrühlings allen Fragen rund um die zeitgenössische Kunst.

Thema meiner Auseinandersetzung mit der Sammlung des Harzmuseums ist DAS BESONDERE IM ALLTÄGLICHEN. Ausgangsmaterial ist der zufällige Schnappschuss. Jeder ist eingeladen, am 25. März sein Fotoalbum (oder Foto-Krams-Kiste)  mitzubringen, um mit mir nach ausgefallenen Momentaufnahmen zu suchen.

Ich suche Bilder des ganz normalen Lebens aus etwa den 1930er bis 1990er Jahren. Situationen des familiären Miteinanders; Erinnerungen an Kindheit & Jugend; Wandern rund um den Harz und Brocken; Freizeit, Sport, Jagd oder (Volks-)Tanz. Weitere Themen und Jahrzehnte sind nicht ausgeschlossen.

Oftmals sind Unschärfe, Über- oder Unterbelichtung, die Fehlfarben der 70ger Jahre  etc.  eine fruchtbare Quelle für ein stimmungsvolles Bild im Sinne der Malerei und besser geeignet als das perfekte Foto mit Kunstanspruch.

Wernigeröder Museumsfrühling

25. März 2018, 10 – 17 Uhr
Harzmuseum, Klint 10, Wernigerode
Dialog mit der Heimatstipendiatin – 14.00 Uhr
www.harzmuseum.de

Die Malereisammlung im Harzmuseum I Christine Bergmann

Das Harzmuseum hat eine recht heterogene Kunstsammlung. 400 Gemälde und etwa 1200 Grafiken und Zeichnungen aus unterschiedlichen Zeiten.

Die Orangerie

Man könnte die Sammlung grob in 3 bis 4 Gruppen oder „Perioden“ einteilen. Es gibt einige sehr schöne Stücke aus dem 19. Jahrhundert.

Richard Thierbach * 1860 – 1931

Ein weiterer Sammlungsschwerpunkt besteht aus Malern, welche grob getaktet zwischen 1880 und 1900 geboren wurden. Interessanterweise teilt sich die Sammlung jedoch in zwei Zeitperioden die Gemälde betreffend.

Ein Teil der Gemälde stammt aus den 1920er und 1930er Jahren, u.a. Karl Klapper, Otto Illies und Christian Hallbauer, also die „Zwischenkriegszeit“.

Karl Klapper * 1879 Berlin –  †  1956 Goslar

Otto Illies hat es mir besonders angetan. Man sieht ganz deutlich die klassische Moderne. Manche Gemälde erinnern an sogenannte Spätimpressionisten wie Giovanni Segantini oder Pierre Bonnard.

Otto Illies * 1881 in Yokohama –  †  1959 in Wernigerode

Mit dem Geburtsjahr 1900 ist Christian Hallbauer verhältnismäßig jung. Er emigrierte nach Norwegen und verstarb leider früh.

Christian Hallbauer * 1900  –  †  1954

Ziemlich interessant ist die Geschichte von Wilhelm Pramme. Von 1926 bis 1928 machte er eine Weltreise, welche ihn über Ägypten, Indonesien und Indien bis nach Afghanistan führte. Damals war es Ausländern verboten Afghanistan zu bereisen. Sein Wagnis führte ihn jedoch bis zum König, der ihm die Erlaubnis zur Weiterreise erteilte. Eines seiner Bilder hängt heute im Nationalmuseum in Afganistan, ein Dankesgeschenk an den damaligen König.

Wilhelm Pramme * 1898 Halberstadt – † 1965 Wernigerode; Gemälde und Objekte von der Weltreise
Wilhelm Pramme, Gemälde aus der Nachkriegszeit

Ein Dritter Sammlungsteil umfasst dann die sogenannte „Wernigeröder Künstlerkolonie“. Rein zeitlich betrachtet, handelt es sich etwa um die gleiche Generation, aber die Gemälde stammen aus der direkten Nachkriegszeit. Neben Künstlern aus Wernigerode und Umgebung zählten hierzu viele Künstler, welchen nach den schweren Zerstörungen nahezu aller Großstädte im 2. Weltkrieg Wohnungen in Wernigerode zugewiesen bekamen und welche sich in Folge dessen vorübergehend (ca. 1945 – 1950) oder bleibend in Wernigerode ansiedelten.

Paul Betyna * 1886  –  †  1967

Malerisch wirklich interessant fand ich sofort die 3 Gemälde von Bert Heller. Der Name sagte mir zunächst nichts, dafür aber das ganze nachfolgende Werk. Bert Heller hat den sogenannten „sozialistischen Realismus“ deutlich ikonografisch geprägt. Irgendwie kennt man alle seine Bilder.

Bert Heller * 1912 Aachen – † 1970 in Berlin

Ein paar witzige bis kuriose Geschichten gibt es auch.

„Blumen-Krüger“ zum Beispiel. Wie es der Namen verrät, malte er bevorzugt bzw. besonders erfolgreich Blumen und lebte wohl recht gut davon. Obwohl er es nicht schaffte, Mitglied im VBK DDR zu werden, verkaufte die DDR Lizenzen für Kunstdrucke seiner Werke gegen Divisen an Westdeutsche Verlage.

Wilhelm Pramme hinterließ zwei Bilder als Künstlerspaß…

Wilhelm Pramme: „Er könnte, wenn er wöllte“ auch abstrakt

Darüberhinaus gibt es weit mehr Künstler, die hier nicht alle dargestellt werden können. Gar nicht so schlecht fand ich auch Hans-Joachim Bober.  Er ging bereits in den frühen 1960er Jahren in den Westen und arbeitete dort als Kunsterzieher.

Hans-Joachim Bober  * 1908 – † 2011 (über 100 !)

Die hier vorgestellte Auswahl an Bildern ist selbstverständlich unvollständig und entlang meiner persönlichen Interessen sondiert. Im Großen und Ganzen findet man im Harzmuseum Landschaftsmalerei und weit weniger Figürliches.

Auf den ersten Blick ist man geneigt die Sammlung für „Heimatkunst“ zu halten. Wenn man sich jedoch in die Biografien hineinbegibt, stellt man fest, dass viele der Maler mit durchaus bedeutenden Schulen und Lehrern verknüpft sind. Nicht wenige studierten in Weimar in der Großherzoglichen Schule vor dem Bauhaus (Stichwort „Deutscher Impressionismus“). Blumen-Krüger war befreundet mit Bruno Paul (siehe Neue Sachlichkeit, Bauhaus- und Burg-Geschichte). Es gibt persönliche Beziehungen zu Ludwig von Hofmann, Matisse, Denis, van de Velde, Corinth ….

Ich finde, das Konvolut stellt Fragen: Was bedeutet der Künstler oder das einzelne Werk jenseits großer Kunstmuseen, welche Künstler schon durch ihren Namen adeln? Was bedeutet eine solche Sammlung für ein Heimatmuseum heute? Und welche Ausblicke und Anregungen gibt es für die Zukunft?

Christine Bergmann | Es weihnachtet sehr

Am 3. Dezember ist der Weihnachtswahnsinn ausgebrochen. Als ich mich an diesem Sonntag auf den Weg nach Wernigerode machte, fielen in Halle die ersten dicken Flocken. Die Zugreise führte mich durch eine winterlich verschneite Landschaft. Mit dem ganzen Fachwerk und dem schönen Rathaus bietet Wernigerode die perfekte Kulisse für ein richtig heimeliges Weihnachtsgefühl.

Rund um das Rathaus ist natürlich Weihnachtsmarkt mit allem was dazu gehört: Tannenbaum, Glühwein, Würstchen, Grünkohl, Baumkuchen und Holzschnitzerei – erstaunlich wenig Trödel, eigentlich gar keiner, oder  ich habe ihn einfach übersehen….

Im Harzmuseum wurde die Weihnachtsausstellung eröffnet. Das Museum war voll und es gab Plätzchen, Kaffee und Kakao. Bürger konnten bereits seit Wochen Weihnachtsgeschenke einliefern, die sie selbst einmal bekommen oder verschenkt hatten.

Gut 100 Objekte sind zusammengekommen. Das Älteste fiel in das Jahrzehnt vor 1900. Tolle Sachen, interessante, zum Teil bewegende Geschichten sind mit den Geschenken verbunden. Manches hat man wiedererkannt – in meinem Fall die Klassiker aus den späten 70 Jahren. An jeder Vitrine hätte ich Lust gehabt, die Sachen herauszuzotteln und mich zum selbstgenügsamen Spiel in ein ruhiges Eckchen zurückzuziehen.

Trotzdem vermisste ich  einen Klassiker meiner Kindheit: Die elektrische Eisenbahn.

Also, Weihnachten kann kommen.

Das vermutlich älteste Geschenk: eine Papierkrippe aus den 1890er Jahren

Christine Bergmann | Künstlerisch forschen – was ist das ?

Für den Anfang habe ich mir vorgenommen, die verschiedenen Bereiche des Museums bzw. die angegliederten Bereiche ganz systematisch unter die Lupe zu nehmen. Dazu gehören das Stadtarchiv mit dem Schaudepot, die Harzbibliothek, die allgemeine Bibliothek, dieser und jener Depotraum. Darüber hinaus möchte ich mich mit „Land und Leuten“ vertraut machen.

In der Zwischenzeit erhielt ich von jedem zum Museum gehörenden Bereich eine Einführung. Bücher, Urkunden, Keramikschwerben, Stahlhelme und Bügeleisen, ausgestopfte Tiere, diverse Alltaggegenstände habe ich mir angesehen, mich durch einen fotografischen Nachlass gewühlt, 3000 Harzpostkarten bestaunt. An den Zigarettenbildsammlungen „Die Geschichte der Arbeiterbewegung“ und „Die Pioniere“ bin ich etwas länger hängengeblieben – was man alles so findet. Irgendjemand hat sich tatsächlich die Mühe gemacht, diese mehreren hundert Schwarz-Weiß-Bilder im Kleinstformat  zu sammeln. Oder: Jemand hat damals echt viel politisch korrekt geraucht!

Meiner Besichtigung des Schaudepots widme ich einen extra Eintrag.

Einer von mehreren Räumen im Schaudepot

Zudem habe ich interessante Personen kennengelernt, wie Herrn Schulze, den Kulturmagnaten der Stadt. Herr Schulze betreibt eine Buchhandlung, den einen oder anderen Kulturverein mehr, 2 Ausstellungsräume mit beträchtlicher Größe und einem interessanten Programm, das Schiefe Haus… ist im Stadtrat aktiv und dann hat er noch ein paar kulturelle Zukunftspläne und Hobbies. Zudem ist er Herausgeber der Neuen Wernigeröder Zeitung, die 14-tägig erscheint. Wann macht er das alles?

Im Stadtarchiv

Da die Fahrerei zuviel produktive Zeit vergeudet, habe ich mich entschieden möglichst 2 Tage hintereinander zu bleiben. Was ist in der Stadt eigentlich los, wenn die Läden schließen? Mitte Oktober war es noch angenehm warm. Tags über war die Stadt (wie eigentlich immer) touristsich sehr belebt, gegen 20 Uhr wurden die Bürgersteige hochgeklappt. Aus Unkenntnis hatte ich mich am Stadtrand einquartiert und verbrachte in Folge dessen einen sehr ruhigen Abend. Aber der erste Einruck kann bekanntlich täuschen. 14 Tage später, schon ganz eingerichtet auf einen sehr ruhigen Abend, hatte ich mich ganz in Museumsnähe in einer netten, kleinen Pension eingemietet. Nach dem Schwimmbadbesuch – sehr cool, mit gedämpften Licht und Mucke – fand ich mit kleiner Hilfestellung der ortsansässigen Jugend die einschlägige Raucherkneipe am Platze. In der urigen Stampe trifft sich alles vom Tätowierer bis zum gut-bürgerlichen Raucher. Schnell mal jemandem den Stammplatz weggenommen und schon kommt man ins Gespräch. Man gewinnt den Eindruck, jeder in Wernigerode ist mit irgendwas Unternehmer. Nur bei der traditionellen Getränkefolge Hasseröder – Schierker Feuerstein –  Hasseröder – Schierker u.s.f. habe ich gekniffen.

Rathausplatz gegen 19 Uhr Mitte Oktober

Stahlhelme und Bügeleisen

Nachlass Pürschel/Lüders

Fotos aus dem Nachlass Pürschel

1. Wandertag Harz | Christine Bergmann

„Man kann kein gutes Bild malen, weil man die Natur liebt, man muss die Malerei lieben.“

Hans Joachim Bober 

Wenn ich mir eines bei der Bewerbung nicht recht überlegt hatte, so ist es der Aspekt, dass ich gar kein „Outdoor – Naturburschie“ bin. Beim Harzmuseum-Heimat-Stipendium führt offensichtlich kein Weg am Wandern vorbei.

Heute war super Wetter, es mattheuerte.

„Mattheuern“ ist bei uns daheim ein fester Begriff für die Kombination aus Landschaft und Wetter, welcher sich auf Wolfgang Mattheuers Bilder bezieht,  auf Lichtstimmungen z. B.  in Bildern wie „Hinter den sieben Bergen“.

Also wurde der erste Schritt unternommen: Auf in den Harz zum Herbstwandern!

Um es mir als eingeborenem Städter leichter zu machen, wurde mein 1. Wandertag an utilitaristische Ziele gebunden: Am Südostrand des Harzes wurde die Laubfärbe bewundert, bei Birnbaumteich (eine Ortsbezeichnung) wurden erfolgreich Pilze gesucht: Hallimasch, Steinpilze, Ziegenlippen. Dann ging es ans Bratwurst-Wandern in Stolberg, gefolgt vom Kuchen-Bergsteigen in der Nähe der Rammelburg. In Kloster Mansfeld, auf dem Rückweg, wurde ein Supermarktschwein erbeutet. Das verträgt sich just in diesem Moment recht kochartgerecht mit den Waldpilzen.

Heute im Wald, nach einem umfassenden Blick in meine bevorzugten Kunst- und Künstler-Bücher, war ich bereits ganz unterwegs mit dem fragenden Blick des Malers: Geht Landschaftsmalerei? Geht reine  Landschaft? Wenn ja, wie ? Und wenn nein, warum eigentlich nicht ?

Am Montag geht es dann wieder auf nach Wernigerode, diesmal 2 Tage in Folge zur weiteren, einführenden Recherche…