Pop Up – ein Museum für einen Tag in Eisleben

Wo kein Heimatmuseum ist, da mache ich Station und frage nach. Ich gehe an die Öffentlichkeit. Es ist der 27. Oktober 2020.

Die Regionalgeschichtlichen Sammlungen in Eisleben sind voll mit Objekten, mit Geschichten. Nicht alles kann, nicht alles darf mit. Ich habe mich entschieden. Ich mache eine eigenes Museum auf. Für ein paar Stunden. Ich suche mir Objekte aus den Sammlungen. Ich verschicke Einladungen.

Der 27. Oktober 2020 ist ein Dienstag, ein normaler Markttag auf dem Marktplatz von Eisleben. Mit Unterstützung der MitarbeiterInnen der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit / Kultur der Stadt baue ich einen eigenen kleinen Marktstand auf. Die Sammlungen gehen zu den Menschen. Das „Pop Up – Museum Eisleben” ist für einige Stunden in der Öffentlichkeit zu sehen.

Ich bin gespannt. Und warm angezogen.

Besuch am kleinsten Museum der Stadt

Noch vor um 10 Uhr ist alles auf seinem Platz. Die anderen, die normalen Marktstände sind schon in Betrieb. Einzelne Menschen schlendern umher, kaufen ab und an Essen, Kleinigkeiten.

Der Stand fällt auf. Er ist nicht groß. Aber bunt, nicht zu sortiert. Ich bin gespannt, wie er wirkt, ob Menschen kommen und wie sie reagieren.

Weitere Gedanken kann ich mir nicht machen. Mein Museum wird sofort gut besucht. Einige sind der Einladung gefolgt, den Ankündigungen in der Presse – hier sind die kostenlosen Anzeigenblätter eine wichtige Informationsquelle. Andere Besucher sind normale Passanten, die neugierig sind. Natürlich wird mir auch ab und an die Frage gestellt, ob den die ausgestellten Objekte auch zu kaufen sind.

Der Bussard aus der ornithologischen Sammlung zieht Taubenzüchter an. „Das ist mein Feind.” sagt ein Mann. Eine alte Nachbarin kommt vorbei und freut sich, mich zusehen. Einige Stadträte schauen kurz vorbei. Es gibt einen Fototermin mit dem Bürgermeister.

Carsten Staub, der Bürgermeister der Stadt Eisleben (2.v.r.)

Die Menschen wollen reden. Auf jeden Fall an diesem Tag an diesem Stand. Zufällige Begegnungen an einem normalen Wochentag. Es geht um die eigene Geschichte, um Sichtbarkeit.

Ich verabrede mich auf weitere Gespräche. Ein Mann lädt mich ein, seine umfangreichen privaten Sammlungen an regionaler Provinienz in Augenschein zu nehmen. Am Ende des Gespräches grübelt er kurz über den Gedanken, ob seine eigenen Sammlungen nicht auch eine Art Museum sein können …

Nicht nur Kleinigkeiten

Gegen 13 Uhr bauen die anderen Stände ab. Alles wird verpackt. In Kisten, in Autos. Der Wochenmarkt neigt sich dem Ende. Auch wir packen alles wieder ein. Der Habicht wird wieder wieder in eine Vitrine verschwinden.

Der Marktplatz leert sich. Nach uns kommen die Tauben.

 

Fotos: Matthias Ritzmann

Von der Entstehung | Thomas Jeschner

Ich sammle. Objekte, Wissen, Eindrücke, Erfahrungen. Ich notiere, schreibe nieder, fotografiere, sortiere, katalogisiere, verliere, gewinne. Plane, parliere, kalendiere. Ich verwerfe, grüble, verzweifle. Ich frage nach, frage an, lasse mir helfen, bin behilflich. Ich laufe von Ort zu Ort, steige Treppen, schleppe Kartons, Objekte, krame, staple, packe ein, packe aus. Ich blättere in Archivbüchern, stöbere in Karteien. Bin überrascht, enttäuscht, gelangweilt, hektisch, neugierig. Ich entdecke.

Ich warte auf Antworten, lasse mich hinhalten. Ich antworte. Ich frage und warte. Und mache weiter. Ich lese. Informiere mich. Scanne Broschüren. Größler, Rühlemann, Plümicke, Kerssenbrock, Namen, Männer in Positionen, in angesehenen Berufen, Vereinen.

Wie entsteht eine Sammlung? Ein Museum?

Mein Notizbuch entblättert viele Gedanken dazu. Immer wieder tauchen Fragen auf. Immer wieder beginnen die Fragewörter mit W. Jeden Seite, jeden Tag.

Eine kleine Auswahl inmitten anderer Dinge. Alte Bergschule, Lutherstadt Eisleben

Jetzt ist es soweit.

Ich gestalte mein erstes, eigenes Museum. Wir gestalten ein Museum. Denn ohne Unterstützung geht es nicht.

Für drei Stunden werde ich nächsten Dienstag (27. Oktober 2020)  vormittags auf dem Marktplatz von Eisleben ein eigenes Museum der Öffentlichkeit vorstellen. Es ist Markttag. Zeit zum Kennenlernen. Zeit zum Reden. Zeit zum Lüften.

Das POP-UP MUSEUM EISLEBEN lädt ein.

Postkarte

Fundort unbekannt (Thomas Jeschner)

Heimat ist eine zunehmende Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung.

Die Radiosender, die in der Senke des ehemaligen Salzigen Sees über das Autoradio zu empfangen sind, stehen unter einer Art besonderem Denkmalschutz. Ich springe zwischen fünf Sendern umher und fühle mich in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückversetzt. …. Limahl, Sandra, Bon Jovi, Cindy Lauper … ich bleibe bei Starchip – We Built This City hängen.

Ich fahre nach Eisleben. Lutherstadt Eisleben. So heißt die Stadt offiziell seit 1946.

Fundort unbekannt

Vor wenigen Jahren hofften die der Stadt Wohlgesonnenen, in großer Zahl Besucher aus allen Teilen der Welt hierher zu locken. Eine ganze Dekade wurde von Bundes- und Landespolitik unter ein Motto gestellt. Die Lutherdekade. Der Beginn der kirchlichen Reformation mit der Veröffentlichung von 95 Thesen durch den damals noch recht unbekannten Mönch Martin Luther 500 Jahre zuvor gab den Anlass für rege Bau- und Feiertätigkeit. Politische Aufmerksamkeit, Geld zur Sanierung oder Neubau von Museen, Gedenkstätten und Infrastruktur kamen für zehn Jahre den Orten, in denen sich die Luthergedenkstätten befinden, zugute.

In Eisleben wurden Wege umbenannt, Sprüche an Fassaden angebracht, in Metall gegossene „Lutherrosen” als Wegemarkierungen für den städteumspannenden Lutherweg in das Straßenpflaster eingelassen. Die beiden Luthergedenkstätten, in denen sich das Regionalgeschichtliche Museum für die damaligen Kreise Eisleben und Hettstedt befand, wurden grundlegend saniert, mit Neubauten erweitert, die Ausstellungskonzeptionen  grundlegend verändert. Eine für alle Luthergedenkstätten konzipierte Stiftung übernahm fortan die Leitung – auch über die beiden neu gestalteten Häuser in der Stadt.

Die Regionalgeschichte der Stadt ist sichtbarer denn je mit dem Namen Luther verbunden. Die Regionalgeschichtlichen Sammlungen jedoch gehen in ihrem Bestand und in ihrer Entwicklung weit über Luther hinaus. Geschichte ist in Eisleben nicht nur Luther. Geschichte spinnt sich um den Alltag einer Kleinstadt, um die Industriegeschichte, vor allem das Mansfelder Berg- und Hüttenwesen. 800 Jahre Tradition. Vor einer Generation eingestellt. Immer wieder als Träumerei von einem künftig sich wiederholenden wirtschaftlichen Aufschwung hervorgekramt.

Und die Geschichte reicht noch weiter zurück. Umfasst weitaus mehr. Aufgeschrieben von Chronisten, Bergräten, Gymnasiallehrern, Schriftstellern. In nicht gezählten Spaziergängen und Exkursionen erforscht, ausgegraben. Begutachtet und beschrieben in Stuben, Kellern, Studierzimmern. Nach und nach zu den Regionalgeschichtlichen Sammlungen der Stadt zusammengetragen und zusammen geschenkt. Von Generationen besucht.

Suche im Bestandsbuch der Regionalgeschichtlichen Sammlungen

Schnitt.

Die Sammlungen existieren. Nicht nur auf dem Papier, in Karteikarten und Bestandsbüchern mehr oder minder nachhaltig und sorgsam erfasst oder digital aufgenommen in Suchregistern im Internet. Die Sammlungen befinden sich mitten in der Stadt. Sie sind an mehreren Orten untergebracht. In Kisten, Regalen, Vitrinen, an Wänden, auf Speichern.

Die Sammlungen sind – bildet zur deren Bemessung die Registratur die Grundlage – mittlerweile weder vollständig noch sauber sortiert.

Sie sind derzeit in keinem Museum untergebracht. Nicht mehr. Eine Erinnerung an die Lutherdekade. Die Stiftung Luthergedenkstätten konnten mit den so unterschiedlichen Beständen nichts mehr anfangen und lösten 2006 den bestehenden Depositenvertrag mit der Stadt auf. Alle Sammlungsbestandteile ohne einen Bezug zu Luther wurden aus den Lutherhäusern entfernt. Die Idee aus dem Jahr 1983, Regionalgeschichte und Luther gemeinsam der Öffentlichkeit zu präsentieren, hatte mit einigen wenigen Verwaltungsakten so ihr Ende gefunden.

Blick in die Vogelsammlung, ursprünglich im Bestand des Königlichen Gymnasiums zu Eisleben

Die Lutherdekade ist vorbei. Die Luthergedenkstätten werden vermarktet. Nachhaltige Lösungen für die Gesamtheit der Sammlungen wurden seitdem noch nicht gefunden. Die unter Denkmalschutz stehende Kerßenbrocksche Tellersammlung wird in der Malzscheune ausgestellt. Der Kamerad Martin war schon immer im Stadtbild präsent. Ein kleiner Ausstellungsraum im Stadtarchiv zeigt wichtige historische Zeugnisse. Doch das Gros des Bestandes bleibt vorerst noch der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Und so warten manche Zeichnungen und Gemälde auf eine Zuordnung, die Handschriften, Mineralien, Fossilien auf Wiederentdeckung, die Geschiebe, die Alltagsgegenstände aus vergangenen Jahrhunderten auf Tageslicht und eine neue Erfassung. Der Faustkeil, das Einboot, die Bandkeramiken, die Sammlungen vom Bergrat Plümicke auf Zuspruch und Interesse von Menschen, Mansfeldern und Touristen.

Und das Idiotikon erst!

Ich komme in Eisleben an, fahre zum Parkplatz in der Nähe der Alten Bergschule, verabschiede mich von den Hits aus den 80ern und tauche ab in die Regale, Kisten, Kartons. Spreche Menschen an und hoffe auf Entdeckungen von Geschichte.