Zehn Frauen werden vertont

Die zehn Frauen meiner Kunstinstallation sollen die Stimmen der Schülerinnen bekommen. Dazu haben wir sie beim Sprechen als Schattenriss gefilmt.

Im März habe ich drei neunten Klassen des Gymnasiums Jessen mein Projekt per Videokonferenz vorgestellt um sie in die Rolle einzuführen, die sie dabei spielen sollen. Die Kurzbiografien der zehn Frauen wurden in den folgenden Wochen teilweise von den Schülern und Schülerinnen im Deutsch- und Geschichtsunterricht erarbeitet.

Im Hof der Lichtenburg übten die Lehrer*innen die Betonung der Texte mit den Mädchen ein und der Schauspieler und Medienpädagoge René Langner sorgte mit seiner ruhigen Art für eine sehr professionelle Atmosphäre bei den Filmaufnahmen in der KZ-Gedenkstätte.

Ich war ziemlich erleichtert, dass die Schülerinnen so motiviert waren und die Beiträge auch weitgehend fehlerfrei eingesprochen haben. In der Gedenkstätte gab es eine „Styling-Ecke“ mit Lockenstab und allerlei Accessoires, damit sie sich noch ein bisschen mehr in ihre Rolle hineinfinden. Jetzt sind die 10 kurzen „Audioguide“-Filme fertig. Sie können dann in der Installation mittels QR-Code auf den Gewebebahnen abgerufen werden.

Und gestern haben wir die Installation aufgebaut.

Ich durfte mich einen Tag lang als Azubi von Mathias Kaßner fühlen und spüre tatsächlich noch alle Knochen nach dem langen Aufbautag.

Gut, dass die Frauengemächer so groß sind, dass ich alle Gewebebahnen dort ausrollen kann.
Mathias Kaßner in Aktion

Um 21 Uhr hängen schließlich alle zwanzig Gewebebahnen und die zehn Frauen aus der Vergangenheit grüßen wie gewünscht geisterhaft im Gegenlicht.

Die ersten Besucher*innen, die die Installation zu Gesicht kriegen, sind die Restauratorin Christine Pieper und der Restaurator Tino Simon, die seit Jahren die Bestandserhaltung der Wandmalereien und der bemalten Holzdecken in den Frauengemächern verantworten.

Mareen Alburg Duncker – Gedenkstätte Bernburg

Nach der Fertigstellung des Gedenkschmuckes für Alfred Mühlhausen habe ich nun, vermittelt über die Gedenkstättenleiterin Frau Dr. Hoffmann, Kontakt zu den Angehörigen. Die Nachfahren seiner Geschwister erfuhren erst 2017 von dessen Schicksal. In regem Austausch bin ich mit einer Großnichte, ihr Opa war ein Bruder von Alfred.

Erinnerungen an Moshe Bukspan

Meine nächste Arbeit widme ich Moshe Bukspan, er wird 1902 in Galizien geboren, als staatenloser Osteuropäischer Jude. Hier herrscht die österreichisch-ungarische Monarchie. Als Bewohner eines der Kronländer hatten sie keinen Status als Staatsbürger. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 löste sich die Doppelmonarchie auf, 1919 wurde Galizien dem wiedererstandenen polnischen Staat zugeteilt. Moshe und seine Frau Toni Bukspan waren in diesem neuen Staat Polen staatenlos.
Um besser leben zu können siedelten sie 1920 nach Frankfurt/Main um. Moshe wurde Kaufmann und Schuhmacher mit eigener Werkstatt. Die zwei in Frankfurt geborenen Töchter Ruth und Edith blieben ebenfalls staatenlos. 1933 wurde durch Boykott des Schuhmacherbetriebes die Existenz der Familie zerstört. Im Jahr 1939 wurde Moshe verhaftet und als sogenannter „Schutzhäftling“ bis April 1940 eingesperrt, von dort ins KZ Sachsenhausen deportiert. 1941 erfolgte die Verlegung ins KZ Ravensbrück. Am 23. März 1942 soll Moshe Bukspan laut Häftlingsliste vom KZ Ravensbrück „überstellt“ worden sein. So ist offiziell der Transport in die Tötungsanstalt für das „Euthanasie-Programm“ in Bernburg benannt. Das tatsächliche Todesdatum liegt vermutlich 8 bis 10 Tage früher. Mosche Bukspan wurde 40 Jahre alt.
Toni und ihre Töchter Ruth und Edith, 14 und 7 Jahre alt, wurden am 24.September 1942, mit der 10. Deportation aus Frankfurt verschleppt und wahrscheinlich in Estland erschossen.

Moshe Bukspan
Foto: Privatbesitz

In Anlehnung an den Beruf als Schuhmacher, war des Material Leder für den Gedenkschmuck für Moshe Bukspan gesetzt. Aus mehreren Entwürfen kristallisierte sich die Umsetzung einer Brosche heraus. Da auch seine Frau und die beiden Töchter ermordet wurden, möchte ich sie mit einbeziehen. Unter Anleitung von Claudia Richter, einer professionellen Buchkünstlerin, erlernte ich das Setzen der Buchstaben und die Heißprägung mit Goldfolie auf Leder. Zuvor hatte ich aus meinen Schriftentwürfen den einen herausgefiltert, der nun geprägt werden sollte. Die scheinbare Unordnung hat eine Struktur, ähnlich einem Kreuzworträtsel.
Eingefaßt in einen Messingrahmen mit rückseitiger Broschierung wird diese Arbeit dann auch ab 20.November 2021 in der Gedenkstätte in Bernburg zu sehen sein.
Kontakt zu den Angehörigen in der 2. Generation, welche in Tel Aviv leben, besteht schon über Judith Gebauer von der Gedenkstätte.

work in progress, Foto: Mareen Alburg Duncker

Auzug aus meinem HEIMATdiary

Endlich war ich mal wieder in Zörbig, endlich gab es mal wieder ein Treffen „in echt“ – mit leckerem Kuchen, tollen, sehr produktiven Gesprächen, einem Spaziergang zu den Handlungsorten meiner Geschichten. Und zwei Tage später folgte einen Artikel in der MZ Bitterfeld über dieses Beisammensein, den aktuellen Stand des Stipendiums und das weitere Vorgehen (danke liebe Andrea Dittmar).

Radiobeitrag über Sachsengänger im MDR (Julia Himmelmann/ Börde-Museum Burg Ummendorf)

Abfahrt von Sachsengängern von einem Berliner Bahnhof um 1909. Die Sachsengänger reisten mit dem Zug in Berlin an und brachen von hier aus auf in die Magdeburger Börde.

Meine Recherchen über die Sachsengänger neigen sich dem Ende zu. Es gab viele bereichernde und inspirierende Begegnungen mit den Nachfahren der WanderarbeiterInnen in der Börde. Ich konnte der einen und anderen spannenden Familiengeschichte lauschen, habe in Kirchenbüchern aus dem 19. Jahrhundert Sachsengänger aus dem heutigen Polen finden können, die in der Börde geheiratet haben und hier sesshaft wurden.

Gestern war der MDR im Börde-Museum Burg Ummendorf um die Museumsleitung und mich für einen kurzen erzählerischen Radiobeitrag zur Geschichte der Sachsengänger zu interviewen. Zu hören am Sonntag, dem 18. Juli 2021, um 11:40 im MDR.

Besuch auf der Baustelle in Zörbig

Das Kulturquadrat Schloss Zörbig hatte am 24. Juni eingeladen, Heimatstipendiatin Lucie Göpfert hatte angenommen. Zur Begrüßung reichte der kommissarische Museumsdirektor Stefan Auert-Watzik, ein Zörbiger Original: Zörbiger Eierlikör-Johannesbeer-Sahnekuchen! – Selbstgebacken von einer engagierten Zörbigerin. – Herzlichen Dank dafür.

Trotz Kuchen war es natürlich ein Arbeitsbesuch. Einerseits galt es, sich nach längerer, coronabedingter Abstinenz vor Ort einen Überblick über die Stand der Dinge zu verschaffen. Denn die Bauarbeiten im Schloss Zörbig sind noch immer im vollen Gange. Aber auch erste Details der für Jahresende geplanten Abschlusspräsentation konnten besprochen werden. Mit von der Partie waren neben der Stipendiatin auch Stefan Auert-Watzik, kommissarischer Museumsdirektor, Kuratorin Dr. Ines Engelmann, Pressefrau Ines Godazgar und MZ-Redakteurin Andrea Dittmar.

Und natürlich haben wir alle wieder viele neue Details über Zörbigs größten Sohn, den Schriftsteller Victor Blüthgen gelernt. Grund dafür ist der enorme Wissensschatz von Stafan Auert-Watzik, der uns nicht nur durch den Fundus des derzeit  auch in inhaltlicher Umgestaltung begriffenen Museums führte, sondern der uns sogar auf einem Spaziergang auf den Spuren von Victor Blüthgen durch das Zörbig mitnahm.

Letztes Heimatfrühstück der 2. Runde

Am 23. Juni trafen sich die zehn Stipendiatinnen und Stipendiaten der zweiten Runde des Heimatstipendiums in den Räumen der Kunststiftung, um sich und die Direktorin Manon Bursian sowie die Kuratoren Dr. Ines Engelmann und Björn Hermann auf den aktuellen Stand ihres jeweiligen Projekts zu bringen. Schön war es, sich endlich wieder direkt zu begegnen!

Wer die Wahl hat…

Mehr als 200 Einsendungen gab es für unseren Kreativ-Wettbewerb, das hätte ich nicht erwartet! Deswegen war das Auswählen der Gewinner auch eine ziemliche Herausforderung für die Jury. Wir haben uns viel Zeit genommen, um alle Bilder zu begutachten, haben viel geschmunzelt, herzhaft gelacht und waren erstaunt und erfreut über die vielen schönen und witzigen Einfälle der Kinder. So konnten wir viel Interessantes über den Lebensraum, die Lieblingsspeisen und die Spezialkräfte mancher Kreaturen erfahren.
Ich habe mich sehr über die Kreativität und den Schaffensdrang der Kinder gefreut, für die es in den letzten 1 ½ Jahren ganz schön schwierig war. Einerseits bin ich traurig, dass ich während meines Stipendiums nicht vor Ort mit den Kindern im Museum kreativ arbeiten konnte, andererseits bin ich froh zu sehen, wie gut unsere Aktion offensichtlich angekommen ist und die Kinder sichtlich Freude an der Aufgabe hatten.
Als Erwachsener ist man ja oft viel zu „verkopft“ und vernünftig (sogar als Künstlerin), das hat mir das Arbeiten mit den Kinderbildern gezeigt.
Die positive Energie, die Leichtigkeit und die unglaubliche Schaffensfreude aus den Bildern ist auf jeden Fall zu mir übergeschwappt und als die Sieger feststanden, ging es in meiner Werkstatt sofort mit dem Modellieren der Tiere los.
Die Ausdrucke der Bildern umgeben mich nun in meiner Werkstatt und nun entstehen Wesen, die den Vorlagen hoffentlich gerecht werden
Vielen Dank, liebe Kinder aus Sachsen-Anhalt, dass so viele von Euch teilgenommen haben!
Mir hat es viel Spaß gemacht, Eure tollen Fantasietiere zu bewundern und mich inspirieren zu lassen.
Ich bin gespannt, wie Euch die fertigen Keramikfiguren gefallen, die im Herbst im Museum für Naturkunde und Vorgeschichte in Dessau ausgestellt werden.
Ich kann es ja schonmal verraten, es werden mehr als die drei Gewinnerentwürfe umgesetzt… es wäre auch zu schade!

Die ersten Tiere entstehen…

für Alfred (Mareen Alburg Duncker/ Gedenkstätte Bernburg)

…ein Ring

für Alfred Fotos: Mareen A.D.

Warum habe ich für Alfred Mühlhausen als Gedenkschmuck einen Ring umgesetzt?

Es ist mehr, als ein Ring! Enstanden ist ein Behältnis, in welchem ein Stück von Alfred Mühlhausens Heimat aufbewahrt wird. Gefüllt ist dieser große Mantelring mit feinem Kalkstein, eingesammelt im Kalkbruch im Norden von Bernburg. Hier hat auch der kräftige Mann seit seinem 14. Lebensjahr gearbeitet, um seine Familie zu ernähren. Als er einberufen wird ist er 28 Jahre alt und damit endet das Leben in Freiheit, denn das war es im Vergleich zu dem, was danach kommt:
April 1915 Einzug an die Front nach Russland, im Mai 1915 Rückkehr – apathisch, schwer traumatisiert und depressiv, verstummt, Unterbringung in verschiedenen Anstalten mit der Diagnose Katanonie (Schizophrenie mit Krampfzuständen und Wahnvorstellungen), Transport in die Tötungsanstalt Bernburg am 28.2. 1941. Alfred Mühlhausen verbrachte ununterbrochen 26 Jahre in Pflege- und Siechenanstalten. Hier wurde er verwahrt, eine therapeutische, heilende Behandlung fand nicht statt.

Aus geschwärztem Silber ist der große Ring gefertigt. In das Blech habe ich Buchstaben ohne Ordnung gepunzt. Diese wirbeln durcheinander und wölben die Wandung nach außen. Sie symbolisieren die Verstummung dieses Mannes, seine Unfähigkeit das Erlebte in Worte zu fassen, das Gefangen sein in sich selbst.
Um gleichzeitig ein Behältnis für den Kalksteinstaub zu schaffen, ist ein Schmuck mit Hohlraum entstanden – ein Mantelring. Verschlossen mit einem Deckel ist so das Stück Heimat von Alfred sicher aufbewahrt.

work in progress: Entwurf, Punzierung, in Form schmieden Fotos: Mareen A.D.


Unsagbar ängstliche, traurige Augen! (Mareen Alburg Duncker/Gedenkstätte Bernburg)

Zwei intensive Arbeitszyklen zum Gedenkschmuck sind beendet und ein dritter hat begonnen. Dazu gehört für mich als erstes das Lesen und Verstehen der 27seitigen Krankenakte von Alfred Mühlhausen. Seit einigen Wochen setze ich mich mit dem Leben dieses Menschen auseinander. Die Akte ist aus der Sütterlinschrift übersetzt und so sind die Daten auch mir zugänglich. Einige widersprüchliche Aussagen zu Vater und Mutter sind mir aufgefallen, die ich mit der Gedenkstätte abklären muss.

Kopie aus dem Bundesarchiv: Alfred Mühlhausen, aufgenommen am 22.05.1916

Alfred Mühlhausen wird am 28. Februar 1941 im Kellergeschoss der „Euthanasie“-Anstalt in Bernburg vergast. Erst 2017 erfahren die Nachfahren seiner Geschwister von dessen Schicksal.
Als zweites von sieben Kindern einer in Armut lebenden Bernburger Familie arbeitete er seit seinem 14. Lebensjahr im Kalkbruch nördlich von Bernburg. Er sorgte somit für die Familie. Sein Leben veränderte sich schlagartig im 1. Weltkrieg mit dem Einzug an die Front – nach Russland. An Gefechten hat er laut Unterlagen nicht teilgenommen. Was er dort gesehen und erlebt hat bleibt offen: der bis dahin gesunde, kräftige Mann verstummt im Alter von 28 Jahren. Schwer traumatisiert und depressiv beginnt für ihn ein Leben „da drinnen“ mit der Diagnose Katatonie. Insgesamt verbringt Alfred Mühlhausen 24 Jahre in Anstalten ohne therapeutische Gespräche oder medikamentöse Behandlung. Er bleibt apathisch, stumm und in sich gekehrt.
Das Foto ist am Tag seiner Verlegung in die Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg aufgenommen.



Mit ersten Überlegungen und Entwürfen für meine praktische Arbeit zu Alfred Mühlhausen habe ich nun begonnen. Der Gedenkschmuck wird innen hohl gearbeitet sein und somit ein Behältnis für den Kalkstein, den Alfred 14 Jahre lang abgebaut hat, darstellen. Eine Behausung für dieses kleine Stück Heimat wird entstehen.
Die Verstummung, die vermutlich durch ein traumatisierendes Erlebnis auf dem Weg an die Front in Russland ausgelöst wurde, möchte ich ebenfalls umsetzen. Buchstaben, die die Wand wölben, durchbrechen wollen, werden ins Material punziert. Sie scheinen im Inneren gefangen zu sein, können nicht mehr nach außen dringen. Symbolisch möchte ich damit den Gemütszustand des jungen Mannes darstellen.

ein Eimer voll Staub
Foto: Mareen Alburg Duncker

Gestern war ich im Norden von Bernburg bei einer der vielen Firmen im Kalksteinbruch. Seit 130 Jahren werden hier Kalkstein und andere Mineralien abgebaut. Auch Alfred hat hier gearbeitet. Telefonisch konnte ich hier niemanden erreichen und so bin ich einem Radlader entgegen gefahren. Der Fahrer fand mein Anliegen sehr interessant und schickte mich die Halde runter. Hier gab es den feinen Kalkstein, den ich suchte. Der Werksleiter war ebenfalls wohlwollend und füllte mir mein Eimerchen. Das Material hatte ich mir viel heller vorgestellt, aber mir wurde versichert, daß es Kalkstein ist.
Vollgestaubt und glücklich bin ich gefahren und habe meinen Schatz ins Atelier gebracht.

Kalksteinbruch im Norden von Bernburg Foto: Mareen Alburg Duncker