Fundstücke I Christine Bergmann

Es wird doch Zeit hier und da ein Fundstück einzufügen, welches liegen blieb….

Eine Zeichnung vom  Künstler Bert Heller (*1912 – †1970) gefiel mir spontan bei meinem ersten Besuch im Harzmuseum. Wie sich herausstellte, war Bert Heller ein begabter Autodidakt. Von 1956 bis 1958 war er Rektor der Hochschule Weißensee. Herr Ahrens borgte mir ein kleines Heftchen. Dieses war damals angedacht als Werkschau seines Oevres. Aufgrund seines überraschenden Todes wurde ein Nachruf daraus in 1970.

Ausschnitt aus dem Wandfries Bert Heller im Rathaus Wernigerode, etwa um 1948

Bereits im Januar waren Herr Ahrens, der Museumsleiter, und ich im Rathaus Wernigerode, um ein Wandfries vom Bert Heller zu begutachten.

Bert Heller formulierte: „Die Brücke Kunst-Volk ist zerbrochen. “ Bert Heller gehört zu jenen Künstlern, welche den sogenannten sozialistischen Realismus maßgeblich prägten, auch wenn man dies heute wenig erinnert.

 

Rebekka Rauschhardt | Besonderheiten im Museumsdorf – FLM

Für Schwatzhaftigkeit gibt es 4 Schläge mit dem Rohrstock auf die Finger! So sprach Herr Klaas, der Museumsdorfschullehrer.

Bei Sonnenuntergang wird im Freibad nebenan geschossen.

Letztens haben sich junge Mädchen als Kühe verkleidet und Autofahrer um Geld erpresst. Ein regionaler Brauch.

Die Waschbären in meiner Hütte haben Junge.

Circa 20. 000 Kröten erproben den Landgang.

Luzia Werner war auch da. Verrückt – steht aber so im Gästebuch des Museums.

Einmal am Tag fliegen die Kampfjets.

Die Wäsche meiner Vorfahren.

Die schönste Zeit im Jahr. Rittersprorn und Fingerhut. Alles blüht, weil Christel bei Sonnenauf- und – untergang unermüdlich gräbt, rupft, zupft, gießt … acht Gärten brauchen täglich Zuwendung.

Die Zirkusnummer mit der Bela Russ. Dazu gibt es keine Fortos, dass war einfach zu abenteuerlich und lebensgefährlich. Doch am Ende steht ein Stein. Danke an Uwe, Holger, Manfred und Herrn Grothe und den (am ruhigsten gebliebenen) Traktoristen.

Die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen I Christine Bergmann

Fortsetzung zu 1917…

Obgleich uns die Kunstgeschichte lehrt, dass in 1917 der Expressionismus seine Blüte schon nahezu vollendet hat, Kasimir Malewitsch ( *1878 – †1935) in 1915 sein berühmtes Werk „Weißes Quadrat auf weißem Grund“ schuf, sah laut „Vom deutschen Herzen“ der allgemein gebildete Kunstliebhaber in 1917 womöglich eher Älteres, wir sagen heute „konservative Kunst“.

Damit steht natürlich die Frage im Raum: Was sieht eigentlich der durchschnittliche Bürger heute von der „zeitgenössischen Kunst“? Weder die Kunstzeitschriften noch die Gesellschaftsstrukturen sind zum Heute vergleichbar. Was wären denn überhaupt vergleichbare Kriterien?

Mit „durchschnittlichem Bürger“ in Fragen der Kunst meine ich z.B. Leute, die sich gerne und allgemein wohlwollend für Kunst interessieren, auch mal ins Museum, Theater, Konzert gehen, egal welches Genre, oder wenigstens hier und da mal einen Fernsehbeitrag aus der Kultursparte verfolgen etc. aber nicht unbedingt von Berufswegen große „Auskenner“ sind.

Ein Anhaltspunkt sind selbstverständlich die „Klassiker der Wohnungseinrichtung“ als Repro oder „Imitat im Stile von…“, quasi die Ersatzkunst, wie man sie von Ikea bis Baumarkt kaufen kann.

Unverkennbarer Dauerbrenner ist der Impressionismus. Aber diesen lasse ich mal genauso weg, wie die ganze nachfolgende frühe bis klassische Moderne: Klimt (*1862 – †1918) bis Mondrian (*1872 – †1944) , Modersohn  (*1876 – †1907) bis Kahlo  (*1907 – †1954) & Co.

Auch Dalí (*1904 – †1989) und Miró (*1893 – †1983) sind einfach nicht tot zu kriegen. Ersterer bei Teenagern, Letzterer in Zahnarztpraxen. Über die pawlowsche Verquickung von bunten Flecken und hochfrequenten Bohrtönen müsste eine kunstpsychologische Studie angestrengt werden…

Und selbstverständlich übergehe ich den echten Deko-Kitsch, der jeglicher stilistischen Einordnung spottet, # Google Bildersuche zeitgenössische Kunst – Mein lieber Benjamin!

Ich meine, man müsste eine Schnittmenge bilden zwischen zwei Themen: Was gilt als Meisterwerk „aktueller Kunst“? + Was würde sich der Normalsterbliche zu Hause hinhängen?

Ich vermute, die Schnittmenge liegt etwa hier:

Andy Warhol – *1928 – †1987 – in 2018 seit 31 Jahren tot.

Roy Lichtenstein – *1923 – † 1997 – in 2018 immerhin 21 Jahren tot.

Keith Haring, *1958 – † 1990 – jung gestorben, 28 Jahre tot.

David Hockney, *1937 – still alive

Es muss ergänzt werden, dass unsere Kunstmuseen mit ihren Reproplakaten zur Verbesserung der Wohnkultur darüberhinaus beitragen mit beispielsweise Gerhard Richter (*1932).

Eine neutralere Sichtweise bietet womöglich der Vergleich der kuratierten Auswahl. Was darf heute in einem deutschen Museum für zeitgenössische Kunst von Rang und Namen nicht fehlen (über oben Genannte hinaus)? Ich habe nur mal sporadisch ein paar Sammlungen auf Schnittmengen verglichen, ohne wissenschaftlichen Anspruch natürlich. In der Darstellung des Resultats erspare ich mir Lebensalter und Todesdaten in der Beziehung zwischen „must have“ 1917 und 2018, sortiere aber nach Geburtsjahr, um es der Zeitschrift aus 1917 vergleichbarer zu machen.

(selbstverständlich nur Auswahl)

Jackson Pollock, *1912 – †1956

Joseph Beuys, *1921 – †1986

Robert Rauschenberg, *1925 – †2008

Donald Judd, *1928 – †1994

Sol LeWitt, *1928 – †2007

Cy Twombly, *1928 – †2011

Jasper Johns, *1930

Nam June Paik, *1932 – †2006

Frank Stella, *1936

Georg Baselitz, *1938

A. R. Penck, *1939- †2017

Imi Knoebel, *1940

Markus Lüpertz, *1941

Bruce Nauman, *1941

Sigmar Polke, *1941 – †2010

Peter Fischli  *1952 /David Weiss *1942

Rebecca Horn, *1944

Jörg Immendorf, *1945 – †2007

Bill Viola, *1951

Rosemarie Trockel , *1952

Martin Kippenberger, *1953 – †1997

Cindy Sherman, *1954

Andreas Gursky, *1955

Neo, Pippilotti, Via, Moritz sind natürlich noch Jungspuntende* mit einem Geburtsjahr ab/nach 1960. Und ich entschuldige mich,  dass an dieser Stelle bestimmte ostdeutsche Größen ganz fehlen – rein zeitlich betrachtet wäre es jedoch gleich.

Und nun auch das noch! Vor 3 Tagen ist der Erfinder des Gansta Rap gestorben mit 73 Jahren.

Da hilft nur Käster (*1899 – †1974) : „Die Zeit vergeht. Sie weiß es nicht besser.“ Aus: Das doppelten Lottchen

Projekt HEIMATSTIPENDIUM ist Preisträger des Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ 2018

Das Projekt HEIMATSTIPENDIUM der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt zählt zu den 100 innovativen Preisträgern des Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ 2018. Zum Jahresmotto „Welten verbinden – Zusammenhalt stärken“ zeigt das Projekt, wie durch Experimentierfreude, Neugier und Mut zum Umdenken zukunftsweisende Innovationen im Bereich der Kunst und Museumskultur entstehen können. Die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ und die Deutsche Bank richten den Innovationswettbewerb seit 13 Jahren gemeinsam aus.

Eine unabhängige Jury wählte  das HEIMATSTIPENDIUM unter knapp 1.500 eingereichten Bewerbungen aus. Die Kunststiftung fördert die zeitgenössische Kunst in Sachsen-Anhalt. Mit dem Sonderförderprogramm HEIMATSTIPENDIUM der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt werden Museen und Künstler*innen zusammengebracht. Seit Oktober 2017 befassen sich neun Künstler*innen aus den Bereichen Malerei, Bildhauerei, Grafik, Fotografie und Objektkunst für die Dauer eines Jahres mit den Beständen und Sammlungen von acht Museen. Sie erhalten den Zugang zu den Einrichtungen, Archiven und Depots sowie die Möglichkeit das kulturelle Erbe in ihrer künstlerischen Arbeit zu reflektieren. Die Ergebnisse ihrer künstlerischen Interventionen werden im September 2018 in den Museen gezeigt. „Die Museen im Bundesland Sachsen-Anhalt zeugen in ihrer Vielfalt von der einzigartigen Kultur-, Kunst- und Industriegeschichte der mitteldeutschen Region. Mit dem deutschlandweit einmaligen Heimatstipendium hat die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt seit 2017 neue Wege beschritten, um museale Einrichtungen im ländlichen Raum und deren zum Teil verborgene Schätze zusammen mit Künstlern in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Dass sie dafür nun mit einem Innovationspreis ausgezeichnet wurde, freut uns und zeigt wie wichtig die Identifikation mit der Region und dem damit verbundenen kulturellen Erbe auch für die Zeitgenossenschaft ist.“, so Staatsminister Rainer Robra, Chef der Staatskanzlei und Kulturminister des Landes Sachsen-Anhalt.

Initiative Land der Ideen

„Ausgezeichneter Ort 2018“: HEIMATSTIPENDIUM

Pressemitteilung der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt

Warm im Schloss

Im Schloss Humboldt nehme ich wieder einmal ein Stück Treppe ab. In Silikon sieht es ja am geilsten aus, so fischig.
Beim letzten Stück tropfte es dann unten raus, während ich oben nachgoß. Also unten wieder auffangen und oben wieder rein in die „Form“, solange, bis der Härter wirkt. Zum Glück war dieses mal der Sohnemann nicht dabei, so hatte ich freie Hand. Was passiert nun mit diesen Teilen? Ich denke, das sie taugen zu dem Zwecke meiner Absicht. Wehe wehe, wenn nicht ; )

Betriebsspionage I Christine Bergmann

Katalog „Wanderlust“ der Alten Nationalgalerie Berlin 2018 – jüngst eingegangen im Materiallager Bergmann

Letzte Woche war ich zur Betriebsspionage in der Bundeshauptstadt, Berlin!

Die Alte Nationalgalerie zeigt unter dem Titel „Wanderlust“ Gemälde von-bis… Dort traf ich alte Bekannte „vom deutschen Herzen“, Caspar D. Friedrich & Freunde sowie andere Künstler, die auch alle auf dem Harz herumgekrochen sind.  By the way: Der Harz kam ja erstaunlich kurz.

Der Maler Hans Thoma war mir bisher nie besonders aufgefallen. Aber dort hängt eines seiner Bild in der Wanderschau, dass einem zu 50% Hoffnung gibt, dass „das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ noch ein „Alleinstellungsmerkmal“ hat: Es ist nicht reproduzierbar.  Kompositorisch oder von der inneren Erzählung her scheint das Bild „Solitude“ eher unspektakulär. Der ganze „Inhalt“ oder auch die „Aussage“ – alles müßige Begriffe außerhalb der Literatur – transportiert sich ausschließlich durch seine Farbigkeit,  dem Kontrast aus einem Kobalt mit einem fast gleichhellen, kräftigen Grün. Im Katalog ist nichst von dieser Farbpräsens enthalten.

Abgesehen davon, dass ich im Moment eine vergleichbare Blau-Grün-Phase durchlebe (muss wohl am Thema liegen), ist mir das Reproduktionsproblem schon länger bekannt. Als W. Benjamin 1935 darüber schrieb, war das Readymade zwar schon erfunden, Fotografie und Film aber standen erst am Übergang vom Schwarz-Weiß zur Farbe.

Uns heute kommen die Farben und Perspektiven der 1940er bis 1990er seltsam verschoben vor. Dass das Medium und seine Technologie, z.B. die Objektive der Fotografie, den Blickwinkel prägen, wird uns eher selten bewußt, obwohl es offen sichtlich ist. Bestimmte Raumperspektiven in der Malerei des Jugendstil sind nicht zu trennen von den damaligen Möglichkeiten der Fotografie, wie mir jüngst der Illies Nachlass voll verdeutlichte. Auch der Abbildungs- und somit auch Wahrnehmungsraum, den ein Smartphone abbildet, unterscheidet sich fundamental von Letzteren ebenso wie von der Wirklichkeit etc.

Noch extremer wird es bei den Farben. Bestimmte Farben wie Kaltgrün, leuchtend Blau, Rosa im Übergang zu Magenta, sind nicht zu fotografieren, noch schwieriger zu drucken, obwohl es sich um „die Farben unserer Zeit“ (CMYK) zu handeln scheint. Und dann erst das Entwickeln der Fotos bis es halbwegs funktioniert! Unlösbare Hellseherei eröffnet sich dem Maler bei digitalen Bewerbungen: Wie mag die Bildschirmeinstellung des Empfängers aussehen, Mac oder Dose? Es graust einem zu hören, wenn Bewerbungen für Kunstpreise für die Jury über den Farbkopierer gezogen werden. Falls man in dieser LotterieLotterei als Maler den Zuschlag bekommt, müsste man sich eigentlich von der Jury die Farbkopien der eigen Arbeiten aushändigen lassen, damit man weiß, welche neuen Wege der Malerei einem bisher nicht bewußt waren…

Im Zeitalter der digitalen Allgegenwärtigkeit nimmt man das technische Abbild als wirklicher als die tatsächliche, materielle Existenz. Das sind dann eben die anderen 50%, wo der Optimismus des Malers gegenüber der „technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks  im digitalen Zeitalter“ Einschränkung findet.

Farbpräsens (Ausdruck, Wirkung, Aura, Farbraum – was immer man als Wort nehmen will) ist die entscheidende Kategorie, das Informationstool  der Malerei schlechthin. Alles andere ist vielleicht „gemalt“ (mit dem Pinsel hergestellt), aber es gehört doch zur Grafik.

Die Malerei ist nicht verpflichtet, die Farbe der Realität wiederzugeben, kann es aber.  Die Technik kann es nicht. Ein paar einfache physikalische Überlegungen genügen, um sich zu erklären, warum die Technik dies nicht kann (Licht, Strahlungskörper, Reflexion, biologische Optik des menschlichen Auges). Leider geht im Falle der Malerei, die wesentliche Information verloren.

rechts: Hans Thomas „Einsamkeit“ 1906, Katalog Wanderlust der Alten Nationalgalerie Berlin 2018

Es ging mir in den letzen Jahren oft so. Immer wieder stolpere ich in Italien über in Deutschland völlig unbekannte italiensche (Spät)Impressionisten. Zuhause angekommen stelle ich fest, dass es im Netz nicht halb so spektakulär aussieht. Ich entsinne mich an die sehr schöne Ausstellung der Moritzburg „Magie des Augenblicks“. Félix Vallotton kannte ich aus Büchern ohne mich erwärmt zu haben, und dann plötzlich diese Landschaft in einer einmaligen Farbpräsens zwischen Grün und Violett. Genial! Mein alljährlicher Wunschzettel für die liebe Familie umfasst immer unsäglich teure Kunstbildbände. Veronese, Corinth etc. alles Enttäuschungen in Grau und Braun.

Resümme: Schöne Ausstellung. Ich werde mein Verhältnis zu Kirchner positiv überdenken… Es war mir wohl entgangen, dass die alte Nationalgalerie Bonnard und Segantini hat ( oder waren die immer ausgeliehen?). Menzel geht immer, wobei ich das „Halbfertige“ besonderes interessant finde. Aber am allerbesten hat mir doch der Manet in der 2. Etage gefallen und ein Junge in Rot.

Hans Thoma, „Taunuslandschaft“ 1890 _ Rechts: aktueller Ausstellungskatalog 2018, links Zeitschrift „Vom Deutchen Herzen“ 1917